Interview
mit dem designierten Chefdirigenten des NDR-Sinfonieorchesters
Christoph von Dohnányi (Hamburg, am 21.01.2003; gekürzt abgedruckt
in WamS 16.02.2003)
Sie
kommen gerade aus einem Vorspielen, besetzten Sie das Orchester jetzt neu?
Dohnányi: Ich bin hier im Moment Gast. Es sind sehr wichtige Positionen,
Solobläser- und Streicher, neu zu besetzen, und da habe ich gebeten, ob
ich dazukommen kann. Wenn man ein Orchester kennen lernen will, muss man
die Arbeitsmethoden des Orchesters kennen lernen - sie dürfen nicht nur
sehen, was das Konzert dann bringt. Sie müssen sehen, wie die Probe und
das Probespielen ablaufen; sie müssen die Struktur eines Orchesters kennen
lernen und sehen, in welchem Verhältnis das zum Resultat steht. Das ist
überall unterschiedlich und in Deutschland ganz anders als in den Vereinigten
Staaten.
Sie
sollen einem amerikanischen Journalisten auf die Frage nach dem Geheimnis
einer guten Orchesterleitung einmal geantwortet haben: Parkplätze und eine
gute Kantine?
Dohnányi: Das habe ich so sicherlich nicht gesagt! Es ist ganz wichtig,
dass der Musiker nicht schon erschöpft auf die Probe kommt. Da haben es
z.B. die Musiker in New York, Chicago oder Los Angeles sehr schwer, die
alle anderthalb Stunden unterwegs sind. Auch in London ist es so, die Musiker
können die Steuern in der Stadt nicht zahlen und wohnen im Allgemeinen außerhalb,
die müssen dann mitunter zweimal am Tag rein- und rausfahren. Die wirklichen
Großstädte, wo es eine Rushhour gibt, die sind für Musiker schon sehr belastend.
Da meine ich, die Lebensumstände spielen eine große Rolle.
Hamburg
ist da noch relativ angenehm?
v. Dohnányi: Phantastisch
Sie
sind gebürtiger Berliner, bezeichnen Hamburg aber als Ihre Heimatstadt?
Dohnányi: Wissen Sie, es ist so, mein Vater hat hier angefangen zu
arbeiten, mein Bruder und meine Schwester sind hier geboren. Ich wurde in
Berlin geboren, weil mein Vater dann nach Berlin ging. Meine jüngste Tochter
wurde in Hamburg geboren, und die ist jetzt auch schon 25, und unser Haus
draußen haben wir seit 27 Jahren. Wenn ich eine Stadt als Wurzel meines
Lebens in diesem Land betrachte, dann ist das sicher Hamburg. Ich habe hier
drei Kinder und drei Enkel - nein mehr, ich habe fünf Enkel hier -, und
ich habe meinen Bruder hier.
Während
Ihrer Staatsopernzeit haben Sie hier nicht nur angenehme Erfahrungen gemacht.
Dohnányi: Das wird ein bisschen übertrieben. Wir haben hier sehr
gutes Theater gemacht, wir haben hier ziemlich stark gearbeitet - aber wir
haben sicherlich auch nicht ohne Probleme gearbeitet. Die ganze Zeit war
eine Zeit der Prosperität, wo man sehr viel erwartet hat, und es war eine
Zeit, in der sich Konservatives und Erneuerung sehr stark gegenüberstanden.
Das
haben wir im Moment auch wieder, mit Exponenten wie Metzmacher oder Stromberg
auf der einen und Horáková und Frantz auf der anderen Seite.
Dohnányi: Man soll die Leute nicht labeln. Ich kenne Justus Frantz
ganz gut, und das ist ein enorm begabter Mensch. Was er stilistisch macht,
und was er aus seinem Leben macht, das ist seine Verantwortung. Und ich
kenne Ingo Metzmacher sehr gut, er war sogar vor vielen Jahren mal mein
Assistent. Auch er sollte nicht gelabelt werden, als der, der moderne Musik
macht - er macht auch andere Musik. Ich finde Musiker gehören zusammen,
ob sie Orchestermusiker oder Dirigenten oder was auch immer sind, sie gehören
zusammen, und sollten miteinander Musik machen. Der eine macht es so, der
andere anders. Vor allem müssen wir die Musik lebendig machen, und da gibt
es ganz verschiedene Möglichkeiten. Bernstein hat sicherlich völlig anders
Musik gemacht als Herr Rosbaud, und beides waren große Musiker.
Eine
falsche Art, Musik zu machen gibt es nicht?
Dohnányi: Falsch macht man Musik dann, wenn man sie nicht ernst nimmt,
und wenn man sich nicht wirklich mit all seinem Talent bemüht. Das ist der
einzige Punkt, wo ich sage, das ist falsch. Man soll nicht den Anspruch
erheben, dass man es richtig macht, aber man muss den Anspruch erheben,
dass man es richtig machen möchte. Mehr kann der Mensch nicht tun.
Um auf
Ihre Pläne für das NDR-Sinfonieorchester zu kommen, es war im Vorfeld zu
hören, Sie hätten dezidierte Vorstellungen über die Nutzung der anderen
NDR-Medien und ein künstlerisches Konzept zusammen mit dem ständigen Gastdirigenten
Alan Gilbert?
Dohnányi: Das ist ganz sicherlich so. Ich habe gute Gespräche gehabt
mit den leitenden Damen und Herren hier, und ich meine, jeder hat seinen
Weg und seine Vorstellungen. Ich habe diesen Beruf jetzt sehr lange gemacht,
habe viel Erfahrungen gesammelt, und ich denke, dass sich das sicherlich
auf das, was ich tun werde, auswirken sollte und auswirken wird. Es ist
eine Odyssee, eine Art Abenteuer. Das ist immer so, wenn man sich irgendwo
bindet, muss man sich sagen: 'Jetzt geht's auf die Reise'. Da weiß man nicht,
wo genau die Probleme liegen, aber man hat eine Vorstellung wo's hingehen
sollte. Also muss man das Beste tun, um sich zu orientieren. Das tue ich,
indem ich so oft wie möglich nach Hamburg komme, um mich mit dem Orchester
vertraut zu machen. - Und dann kann es auf die Reise gehen.
Aber
sicher nicht ganz ohne Kompass?
Dohnányi: Ich weiß wo Norden ist.
In den
USA waren Sie durch eine entsprechendes Abkommen 20 Jahre lang an das Cleveland
Orchestra gebunden - Sie haben nun die Freiheit genutzt auch die anderen
vier der "großen fünf" zu dirigieren?
Dohnányi: Die ersten fünf Orchester stehen im starken künstlerischen
Wettstreit, und da sind Gastdirigate der anderen Chefdirigenten im Allgemeinen
nicht üblich. Ich habe jetzt hintereinander - neben Pittsburgh - Philadelphia,
Chicago, Boston und New York dirigiert. Ich hatte da Glück, Cleveland war
immer die so genannte Nummer 1, aber ich glaube nicht an die Nr. 1. Ich
glaube nirgends an Nr. 1. In der Kunst können sie so etwas nicht messen,
sie können ja auch nicht sagen, das ist die schönste Frau der Welt - auch
wenn sie eine Miss World kennen, kann es sein, dass sie mit der gar nichts
am Hut hätten. Das Gleiche gilt bei Orchestern: Dinge wie Intonation oder
rhythmische Disziplin kann man messen, aber die Beziehung zur Musik, die
Vitalität, den Geist des Ensembles, die Lebendigkeit im Sinne von Freude
am Spiel, das alles können sie nicht messen. Sobald es um Ästhetik geht,
gilt der Satz: 'de gustibus non est disputandum', über Geschmack kann man
nicht streiten.
Wie
viel Zeit werden Sie denn bei der Zahl Ihrer Verpflichtungen für Hamburg
haben?
Dohnányi: Das ist so, wir müssen auf die Dauer herausarbeiten, dass
wir so viel Zeit haben - ich bin ja kein junger Mensch mehr -, dass es Sinn
macht, dass das Orchester meine Erfahrungen und ich die Erfahrungen des
Orchesters nutzen kann. Ich kenne das Orchester seit ewigen Zeiten. Ich
meine, dass das Orchester eine große Tradition hat, und dass es einen Anspruch
darauf hat, mit einem erfahrenen Dirigenten zu arbeiten. Wir werden jetzt
im Februar zusammenarbeiten, und danach werden sich wichtige Aspekte entwickeln.
Man muss immer Prioritäten setzen. Ich werde sicher auf einige Dinge nicht
verzichten, weil sie zu meinen persönlichen Erfahrungen gehören und auch
eine innere Notwendigkeit darstellen. Aber ich werde doch auf einiges verzichten
- und habe das auch schon getan -, um mehr anwesend sein zu können. Also,
dies alles wird sich erst herausstellen, wenn es mehr gemeinsamen Kontakt
gegeben hat. Das ist ein äußerst sensibler Apparat, da kann man nicht sagen,
so wird's.
Bei
den Cleveländern gibt es eine sehr gute Jugendarbeit, weil man offenbar
dort begriffen hat, dass man sich die Hörer von morgen heranbilden muss
- die Erkenntnis ist hier in Deutschland noch nicht recht angekommen.
Dohnányi: Wir haben die Jugendarbeit sehr forciert, das war hauptsächlich
von mir eine conditio sine qua non, dass wir sehr stark in die Richtung
auf die Studenten gearbeitet haben. Dass also ein möglichst starker Kontakt
zur Universität besteht, und das muss weitergehen, da ist bei weitem noch
nicht das, was ich mir vorgestellt habe, erreicht worden. Wir haben direkt
über die Straße 7000 Studenten, und viel zu wenige davon haben wir bei uns
gesehen.
In Hamburg
haben Sie 40 000 Studenten.
Dohnányi: Ja - es ist ganz wichtig, die Freude der Menschen zu finden
an aller Musik. Nicht nur an Moderne oder Entertaining-Music oder Klassik,
sondern dass man Musik einfach als das nimmt, was einen von früh bis spät
beschäftigen kann, und wo es eigentlich wurscht ist, ob es heutige Musik
ist oder Musik der Vergangenheit.
Sie
haben sich gelegentlich sehr positiv geäußert über die kommunikations- und
publikumsfreundliche Schreibart amerikanischer Komponisten im Gegensatz
zum eher snobistischen Verständnis hier zu Lande.
Dohnányi: Das hat sich auch in Deutschland geändert, aber es gab
so eine Zeit, wo ein volles Haus quasi eine "Schande" war. Man hat das Publikum
unterschätzt und sich zu weit von ihm entfernt. Aber es ist doch so, ein
Künstler muss Menschen um sich haben. Und er muss zunächst mal davon ausgehen,
dass er kein Genie ist. Wenn einer wirklich auf das Publikum verzichten
kann, verzichten muss, weil er etwa Webern oder Schönberg heißt, dann ist
das o.k. Aber das ist nicht der Maßstab, sondern die zuweilen traurige Konsequenz
des einsamen Genies. Es kann nicht das Klassenziel sein, nicht gelesen zu
werden. Es kann auch nicht der Maßstab für Qualität sein, nach der Devise:
'Man versteht mich nicht, also bin ich toll.' Kunst braucht Publikum, sie
lebt vom Publikum. Publikumseinbeziehung, absolut ja!
Der
NDR hat in letzter Zeit eine ganze Menge Uraufführungen in Auftrag gegeben,
als Chefdirigent bestimmen Sie nun die Maßstäbe mit.
Dohnányi: Wichtig ist, wir müssen einen Apparat haben, um die Musik,
die für uns noch Gültigkeit hat, in unserer Form erstklassig aufzuführen.
Und das ist sicherlich nicht zu machen, indem man sagt, ich verzichte auf
das 19. und 18. Jahrhundert, das ist aber sicherlich auch nicht zu machen,
indem man sagt, ich verzichte auf das 20. und 21. Jahrhundert. Also, man
muss Musik auswählen, die man für gut hält, und man muss Chancen geben.
Aber man darf auch nicht zu viel unterstützen, in dem Sinne, dass jeder
Komponist gleich ein paar Tausender hingelegt kriegt, wenn er ein Stück
schreiben kann. Eine gewisse Entscheidung eines Komponisten und kreativen
Menschen, wie man schreiben kann, die muss gefunden werden auch auf dem
Wege des Risikos. Es kann nicht so sein, dass blind Geld rausgeworfen wird,
für so genannt Neues, sondern das Neue muss sich gegenüber dem Bestehenden
bewähren. Aber da wo wirklich Talent ist, und wo man spürt, der Mann oder
die Frau braucht Hilfe, da muss sie dann auch da sein.
Haben
Sie in Ihrer Arbeit als Dirigent einen unerfüllten Wunsch, der Ihnen besonders
am Herzen liegt?
Dohnányi: Eins was ich gerne erreichen würde - ich weiß nicht, ob
das machbar ist, es ist mir bisher nie gelungen -, wäre eine Art Prima-vista-Konzerte
einzuführen. Die Vorstellung ist die, zu sagen, 'es wird nicht perfekt sein,
was wir machen, aber wir stellen Musik vor'. Ich sage mir immer, ich hätte
lieber einen weniger gut probierten Wagner live und vom Blatt gespielt,
als einen detailliert geprobten Meyerbeer. Wir müssen unter Umständen ein
bisschen von dem Perfektionsdrang zurückstehen und sagen, wenn Musik wirklich
stark ist, dann muss sie auch einfach mal gespielt werden. Ähnlich wie bei
Kammermusik - sie setzen sich zu Hause hin, finden ein Stück toll und spielen
es, um es wirklich kennen zu lernen. Erst kommt die Liebe zum Stück und
dann poco a poco die Perfektion.
Sie
dirigieren hier in Hamburg demnächst die vier Brahms-Sinfonien - bei diesem
Meister haben Sie ja großväterlicherseits Insidertipps zu Leben und Werk.
Dohnányi: Ach nein, das darf man nicht überschätzen. Ich hatte eine
gewisse Möglichkeit, auf den Zug aufzuspringen. Es ist erstaunlich, wie
das 19. Jahrhundert sich sternschnuppenartig von unserem Verständnis entfernt
hat - das fällt auf, wenn sie heute manche Interpretationen romantischer
Musik hören, auch von ausgesprochen guten Musikern.
Ihre
Lesart ist sicher, Brahms so zu spielen, wie man ihn heute spielen müsste?
Dohnányi: Da können Sie sicher sein! Wie könnte es auch anders funktionieren,
wenn man Musiker ist. Das war es, was Mahler gemeint hat als er sagte: Wir
müssen nicht die Asche verehren, sondern das Feuer weitertragen.
Die Fragen stellte Ilja Stephan