Eine Sinfonie wie ein Portrait
Die klassikvernarrten
Japaner haben ihm im Jahr 2000 ihren höchsten Orden, den "Praemium Imperiale"
verliehen, und die Jury des Cannes Classical Award hat ihm im Jahr darauf
den Lorbeer in der Kategorie "Best Living Composer" zugesprochen. Hans Werner
Henze, der letzte der Großkomponisten, muss sich um seinen Platz im Pantheon
der Tonkunst gleich neben, sagen wir mal, Beethoven, Schubert, Bruckner, Dvorak
oder Mahler wohl schon lange keine Sorgen mehr machen. Allen genannten Kollegen
aber hat Henze eines voraus:
In der Königsgattung, der Sinfonie, haben sie es sämtlich nur auf derer neun
gebracht. Henzes zehnte Sinfonie dagegen wird am 18. August im Rahmen des
Schleswig-Holstein Musik Festivals von Simon Rattle und dem City of Birmingham
Orchestra erstmals einem deutschen Publikum vorgestellt.
Und es scheint so, als würde der Komponist, der in den 50er-Jahren mal der
Liebling des musikalischen Bildungsbürgers war, der sich seit den späten 60ern
dem Marxismus annäherte, Che Guevara ein Oratorium widmete und noch 1997 mit
seiner neunten Sinfonie den "Helden und Märtyrern des deutschen Anti-Faschismus"
ein Denkmal setzte, mit seinem neuesten Stück einen ganz neuen Weg einschlagen.
Im Einführungstext
zu Nr. 10 sprechen Sie von der ungewöhnlichen Rolle, die Simon Rattle bei
der Entstehung Ihrer neuesten Sinfonie gespielt hat - Rattle stand hier sozusagen
Modell?
Hans Werner Henze: Vor Jahren - ich weiß nicht mehr wann - hat
mir eines Abends nach einem Londoner Konzert Simon Rattle geschildert, wie
er sich das neue, das nächste Stück vorstellt, das er sich von mir für ihn
geschrieben wünschte. Es klang wie eine Selbstdarstellung, denn er wollte
die Hauptmerkmale seines Wesens wie durch einen Portraitmaler herausgehoben
wissen. Es war aber keine Eitelkeit dabei. Ich hatte, auf Grund meiner Achtung
und Sympathie, keine Schwierigkeiten damit.
Wie ist Sir Simon
denn? Und in welcher Weise ist sein Wesen in diese Sinfonie eingegangen?
Henze: Der Begriff "Simon Rattle" verband und verbindet sich mit meiner
Vorstellung von Luzidität, Transparenz, Feingefühl: Die Musik wird durchleuchtet,
alles wird hörbar, bemerkbar, mitvollziehbar. Ich denke sehr gerne an seine
Einstudierung meines Oratoriums "Das Floß der Medusa" am 27. und 28. Februar
1997 in Birmingham und London zurück, wo eine Reinheit herausgearbeitet und
lebendig wurde, die damals dem Stück sehr wohlgetan hat. So habe ich beim
Entwerfen von Nr. 10 an Simon gedacht als an einen Luzifer, an die Kunst eines
Raffael, als an einen Menschen mit einem rein-eleganten, englischen Köpfchen,
mit feinsinnigen Händen und dem Sensorium eines in die Welt verliebten Modernen.
Der formalen Beschreibung
in Ihrem Einführungstext nach wirkt Nr. 10 als Rückkehr zur viersätzigen Sinfonien-Anlage
mit traditionellen Satzcharakteren. In wie weit bestimmt die "Bilder- und
Zwischenwelt der traditionellen Sinfonie" auch Ihre Zehnte?
Henze: Die Tradition zur Viersätzigkeit hat natürlich nicht nur bewunderungswürdige
Beispiele und Vorbilder in Klassik und Romantik - es muss da einen architektonischen
Zweck geben. Und für einige von uns einen Reiz, eine Forderung - keine Herausforderung,
aber eine Einladung -, die Gewichtsverhältnisse, die heimliche Mathematik
auszuprobieren, die in den alten Metaphern für einen selbst verborgen liegt.
Insofern ist also Nr. 10 ein Weiterdenken, ja, und auch eine Rückkehr, wenn
Sie so wollen. Ich beabsichtigte, meine Beschäftigung mit der Sinfonik nicht
unbedingt mit dem todtraurigen Klagelied von Nr. 9 abzuschließen.
Bei der deutschen Erstaufführung
von Nr. 10 steht ja auch "Ein Heldenleben" mit auf dem Programm - also eine
recht pompöse Beschwörung des Künstlermythos aus den Geiste der Genieästhetik.
Auch wenn mit der Künstlerthematik die Verbindung zu Nr. 10 offenbar nahe
liegt, fühlen Sie sich in der Gesellschaft von Richard Strauss wohl?
Henze: Nein.
Sie haben angedeutet,
dass es Verbindungen zwischen Nr. 10 und Ihrer für Salzburg 2003 geplanten
Oper "L'Upupa und der Triumph der Sohnesliebe" gäbe. Ihre vierte Sinfonie
ist ja aus der Oper "König Hirsch" hervorgegangen. Kommt es hier zu ähnlichen
Überschneidungen?
Henze: Überschneidungen wird es keine geben, aber ich vermute,
dass die Gestalten von Nr. 10 ihre Schatten auf die Partitur von "L'Upupa"
geworfen haben und noch werfen.
Der Untertitel der
Oper "Ein deutsches Lustspiel aus dem Arabischen" hat mich doch stutzig gemacht
...
Henze: Der genaue Untertitel lautet: "Ein deutsches Lustspiel,
11 Bilder aus dem Arabischen". Der deutsche Lustspielcharakter, auf den ich
anspiele, findet sich auch in Mozarts "Entführung", C.M. von Webers "Abu Hassan",
selbst in der "Zauberflöte" und natürlich auch im "West-Östlichen Divan".
Die Grundlage des Ganzen ist ein, wie mir scheint, ganz zauberhaftes Märchen,
nacherzählt, gedichtet und musikalisch entfaltet von einem Deutschen, von
mir.
Von Schostakowitsch
bis Pettersson haben etliche Sinfoniker des 20. Jahrhunderts die Neunzahl
weit hinter sich gelassen. Wie groß sind die von Ihnen beschworenen "Gefahren
einer Neunten und Zehnten für das seelische und physische Gleichgewicht des
Verfassers" tatsächlich - ist das nicht ein längst überholter Mythos?
Henze: Das mit den Gefahren, die den Verfasser einer Neunten umgeben,
-schweben, -weben, das ist Musikantenaberglauben. Dieser kann sogar die Stirne
eines Menschen von heute umwölben, aber nur vorübergehend, wie so Sachen wie
die mit der schwarzen Katze oder wenn einer seinen Hut auf den Tisch legt
oder dass man niemals am Freitag den 13. auf Reisen gehen soll oder ein Geschäft
abschließt.
Den zweiten Satz von
Nr. 10 schildern Sie als "Lobgesang an einen Menschen, an die Natur, an ihren
Schöpfer". Ich gestehe, dass die religiöse Terminologie ausgerechnet bei Ihnen
mich zutiefst irritiert hat. Ist das Ironie oder das Damaskuserlebnis eines
geläuterten Saulus?
Henze: In der gedruckten Partitur steht statt "Lobgesang" das Wort
"Hymnus". Auf Englisch würde man sagen "eulogy" und sagt es auch. Tut mir
leid, dass Sie die religiöse Terminologie zutiefst irritiert hat. Finden Sie
denn wirklich, ich dürfte mir einen wie auch immer gedachten und tätigen Schöpfer
absolut nicht vorstellen, nur weil ich der alte Henze bin?
Mich verblüfft die
ganze Richtung. Sie sprechen z. B. beim Schluss Ihrer Sinfonie von einem Abschied
von einer Welt, "zu der einem wie mir nichts mehr einfällt". Sie gelten als
politischer Musiker und Verfechter eines musikalischen Realismus, der in seiner
Musik die aktuellen Fragen unserer Zeit verhandelt. Den engagierten Autor
von "We come to the River" bis "Requiem" - bei dem Sie selber auf den Golfkrieg
statt auf den Jüngsten Tag verwiesen haben - von Weltflucht und Abstand "zu
den Kümmernissen unserer Zeit" reden zu hören erstaunt schon.
Henze: Hierzu nur so viel: Der Mensch bewegt sich, er verlässt
seinen Standort um zu einem anderen zu gelangen. Er muss es tun, wenn er nicht
verblöden oder erfrieren will. Nachdem ich mich jahrzehntelang mit der Thematik
des musikalischen Realismus auseinandergesetzt habe und nun auf die 80 zugehe,
dürfte ich nicht doch um die Erlaubnis bitten, mich von meiner bisherigen
Welt ein wenig zu distanzieren, um andere Sachen zu machen, solche, die ich
noch machen zu müssen glaube? Auch wenn sie nichts mit dem Zeitgeschehen zu
tun haben, zu dem mir leider nichts mehr einfällt? Fällt Ihnen denn dazu noch
was ein?
..., aber ich danke Ihnen herzlich für dieses Interview.
Das Gespräch führte Ilja Stephan