Interview mit dem Principal Conductor des London Philharmonic Kurt Masur (23.3.2003)
Ein
Journalisten-Kollege hat die Situation der sieben Londoner Orchester mal
als "Konkurrenzkampf im Haifischbecken" bezeichnet, geht es dort so wüst
zu?
Kurt Masur: Von "Haifischbecken" kann nicht die Rede sein, dazu ist
man zu sehr dazu übergegangen, miteinander zu denken. Als ich 1967 das erste
Mal nach London kam, konnten sie dort an einem Abend drei verschiedene Orchesterkonzerte
hören. Dann kam eine Zeit, in der man vom jeweils anderen behauptete, er
müsse raus, London hätte zu viele Orchester. Das ist heute einer Fairness
gewichen, die ausweist, dass alle Orchester lebensfähig sind, aber sie müssen
sich unheimlich schwer ihr Geld verdienen. Das London Philharmonic hat eine
ganz, ganz geringe Unterstützung staatlicherseits, aber es hat seine Residenz
in der Royal Festival Hall und ist ständiges Orchester des Opern-Festival
in Glyndebourne. Das hat ihm einen Rückhalt gegeben, dass es existieren
kann - aber in einer erstaunlichen Form.
Erstaunlich?
Masur: Der Verwaltungsrat besteht aus Musikern, die verteilen in
wirklich demokratischer Weise die Gelder so, dass das Orchester lebensfähig
bleibt, aber mit sehr harten Bandagen. Wenn einer krank wird, kann er nicht
bezahlt werden, weil für das Geld ein Ersatzmusiker eingestellt wird. Der
letzte Urlaub war der erste in der jüngeren Geschichte des Orchesters, der
bezahlt wurde. Es gibt keine Unterstützung im Sinne einer Krankenversicherung,
und die Sicherheit der Musiker etwa auf Reisen ist lange nicht so, wie deutsche
Orchester das fordern würden.
Ihre
Musiker sind Freiberufler und werden "pay per call" auftrittsweise bezahlt?
Masur: Ja, genau. Es ist erstaunlich, wie sie zusammenhalten. Es
ist eine Familie von Idealisten, wie man sie sich als Partner nur wünschen
kann.
War
die Situation immer so, oder ist das die Konsequenz der Kulturpolitik der
letzten Jahre?
Masur: Das ist die Konsequenz. Es hat auch den Grund, dass das Einkommen
der Londoner im Normalfall so zurückgegangen und die Preise so gestiegen
sind, dass ein Familienvater es sich gar nicht leisten könnte, mit seinen
Kindern ins Konzert zu gehen - was früher ohne weiteres der Fall war. Deswegen
haben wir heute fast durchgehend ein anderes Publikum. Die so genannten
Proms-Konzerte in der Royal Albert Hall etwa, die billiger sind und nur
in den Sommermonaten stattfinden, sind durchweg ausverkauft, obwohl der
Saal im Höchstfall 9000 Leute fasst. Es ist also ein lebendiges Musikleben
geblieben.
Der
Finanznot zum Trotz haben britische Orchester eine vorbildliche Jugendarbeit,
in Deutschland ist so etwas eine Seltenheit.
Masur: Ich bedaure, dass die deutschen Orchester diese Rolle nicht
übernommen haben. Jeder ist leidtragend, dass wir an den Elementarschulen
keinen Musikunterricht mehr haben. Und dann kommen von überall her die Vorwürfe,
klassische Musik würde sich nicht verkaufen. Warum denn nicht? Wenn wir
unsere jungen Leute wie die Wilden aufwachsen lassen, dann werden sie nach
dem greifen, was sich ihnen zuerst bietet, das ist Entertainment im Fernsehen
und aufregende, laute, aufpeitschende Rhythmen - das Nachdenken bleibt auf
der Strecke. Wir werden Verluste haben im Bereich der Potenz im Geistigen.
Ich überlege im Augenblick, einen offenen Brief an Zeitungen zu schreiben:
Wenn wir in Deutschland auf Grund der erschreckenden PISA-Studie demnächst
neue Ganztagsschulen einrichten, dann sollten diese Lehrpläne haben, bei
denen man sich im Klaren ist, dass Kinder, die Musik lieben gelernt haben
- z.B. beim gemeinsamen Singen -, viel leichter erziehbar sind als andere,
die ihre Freizeit vorm Fernseher verbringen.
Hier
in Hamburg hat Ingo Metzmacher in diese Richtung zumindest einiges angestoßen
- das erledigt sich nun in Bälde.
Masur: Das ist ein Jammer, denn wissen sie, es klappt eigentlich
überall. Ich kann es beweisen, von all den Stationen, die ich durch habe
- und zwar zu allen Zeiten, ob das im sozialistischen Bereich war oder im
freien Deutschland -, es sind dieselben Erscheinungsformen. Wenn wir die
jungen Leute nicht so bilden, dass sie alles lieben, was schön ist im Leben,
dann werden sie nur lernen, möglichst schnell gutes Geld zu verdienen und
das schönste und neuste Auto zu fahren. In New York haben wir versuchsweise
angefangen, die Generalproben zu öffnen, am Schluss hatten wir übers Jahr
verteilt mehr als 30 öffentliche Proben. Das hat dazu geführt, dass auch
die zeitgenössische Musik von einem großen Teil des Publikums viel leichter
begriffen wurde. In Frankreich gibt es eine enorme Liebe zum Theater, die
Opern haben dort überhaupt keine Probleme, die symphonische Musik dagegen
hat zwar ein Publikum, aber man muss es sich erziehen. Das kann jedes Orchester,
und das sollten in Deutschland eigentlich auch alle Orchester zu einem Schwerpunkt
machen.
Um auf
Ihr Hamburger Programm zu kommen, das bietet mit Tschaikowskys "Pathetique"
und Beethovens Achter ja nun zwei hundertprozentig sichere Sachen.
Masur: Ich hätte auch gerne versucht, ein zeitgenössisches Stück
mitzubringen - Dutilleux' "Shadows of Time" etwa würde wunderbar passen
zu Tschaikowsky. Aber das wird von den meisten Veranstaltern nicht akzeptiert,
die haben immer Angst, dass sie nicht genügend Karten verkaufen. Wir sind
leider heute viel mehr vom Marketing und vom Kommerziellen abhängig als
früher, und es gibt wenige Veranstalter, die sich mitverantwortlich fühlen,
dem Publikum auch mal was anderes anzubieten.
Bei
Tschaikowskys Sechster ist der autobiografische Bezug seit langem bekannt,
Ihre Beethoven-Deutung geht in eine ähnliche Richtung?
Masur: Was ich getan habe, ist, dem Programm eine einheitliche Linie
zu geben. Bei Beethovens Achter wissen wir seit über zehn Jahren, wann der
Brief an die "Unsterbliche Geliebte" geschrieben wurde, das fällt in die
Zeit der Arbeit an diesem Stück. Was man leicht konstruieren kann, ist,
dass Beethoven ein wahnsinniges Glücksgefühl empfunden haben muss, als er
die Achte komponierte. Das war die Symphonie aus seiner glücklichsten Zeit
- bis er jenen Brief schreiben musste, der nicht nur den Abschied von einer
Frau bedeutet hat, sondern von der Liebe selbst. Die Einsamkeit, die danach
entstand, muss furchtbar für ihn gewesen sein. Neun Jahre lang ist er völlig
unfähig gewesen, ein großes Orchesterwerk zu komponieren, dann kamen die
"Missa Solemnis" und die Neunte. Ein solcher Hymnus an die Hoffnung der
Menschheit, komponiert in Taubheit und Krankheit, entsprach seiner eigenen
Vision, in Freude und Harmonie leben zu können.
Wenn
Sie um diese Bezüge nicht wüssten, was hätte sich an Ihrer Art, die Achte
zu spielen geändert?
Masur: Ich wäre ein bisschen ratloser gewesen, weil ich erst jetzt
begreife, wie er zu dieser Heiterkeit überhaupt kommen konnte. Beethoven
hat seine Symphonien geschrieben als ein Spiegelbild der Zeit, beeinflusst
von Geist der französischen Revolution. Durch die Biografie und die Bezüge
zu seinem Leben habe ich erst begreifen gelernt, wie verschieden Beethovens
neun Symphonien in ihrer Grundhaltung sind. Und je mehr man darüber weiß,
um so mehr begreift man, dass die Heiterkeit in der "Pastorale" oder der
Achten so echte Glücksmomente beinhaltet, wie es sie eigentlich nur bei
einem ernsten Mann geben kann. Das große Wunder an der Achten ist, dass
er darüber hinausgeht und sich Späße erlaubt, wie sie sonst allenfalls Haydn
in seinen Symphonien gemacht hat.
Das Gespräch führte Ilja Stephan