Zoltán Peskó zu György
Kurtágs "New Messages" op. 34a und "Grabstein für Stephan" op. 15c
(abgedruckt in: Programmheft Hamburger Musikfest 2003)
Sie kennen György Kurtág
seit vielen Jahren, wie haben Sie ihn kennen gelernt?
Peskó: Ganz am Anfang meines Musikstudiums, 1953, kam Kurtág öfter
als Hospitant in unsere Unterrichtsstunden. Ich glaube, was ihn damals dazu
bewegte, war, dass er schon vorhatte, eine pädagogische Laufbahn einzuschlagen;
er wurde später einer der bedeutendsten Lehrer am Budapester Konservatorium.
Außerdem muss er schon den Plan gefasst haben, sich mit elementaren pädagogischen
Stücken zu beschäftigen. Eines seiner berühmtesten Stücke sind die "Játékok"
(Spiele), eine Sammlung von Stücken für den Anfängerunterricht - ihrer Bedeutung
nach nur zu vergleichen mit Bartóks "Mikrokosmos".
Die intensive Auseinandersetzung
mit Menschen scheint für Kurtág stets im Mittelpunkt seines Schaffens zu stehen?
Peskó: Fast alle seine Werke sind aus persönlichen Kontakten heraus
entstanden. Sie sehen das schon an den Titeln dieses Konzerts, es gibt hier
kaum ein Stück, dass nicht jemandem gewidmet wäre. Alle entstanden übrigens
nach langen schöpferischen Prozessen, oft sagt er sogar noch nach "Vollendung"
eines Werks, es sei ein "work in progress" - d.h. zu einer eventuellen späteren
Metamorphosen fähig.
Kurtág ist stets sehr
kritisch mit sich?
Peskó: Überkritisch. Da ist Frau Márta Kurtág sehr behilflich, die
Stücke bei der Geburt am Leben zu erhalten, sie ist eine ausgezeichnete Musikerin.
Bei einigen Sätzen der "Messages"-Serie op. 34 fiel allerdings mir diese Aufgabe
zu - er wollte sie wegwerfen. Wir konnten 1995 mit dem WDR-Orchester eine
Art von Probeaufnahme machen. Erst dann war er von deren Lebensfähigkeit überzeugt,
schrieb drei neue Sätze hinzu und begann auch das eigentlich unabhängige Zwillings-Werk,
die "New Messages". Dieses wurde im Januar 2000 von den Berliner Philharmoniker
uraufgeführt. Es besteht aus sechs Sätzen, wobei der Schlusssatz die Töne
des ersten Satzes wiederholt - freilich zauberhaft poetisch verwandelt.
Wie kommt es, dass
im Titel der beiden Sätze, "Merran's dream (Caliban detecting - rebuilding
Mirranda's dream)", Mirranda's Name gegenüber Shakespeare mit zwei "r" geschrieben
wird?
Peskó: Den Grund hat er nie eindeutig erklärt. Diese Musik ist nach
der Erzählung einer Bekannten namens Merran geschrieben, die sehr intensiv
über Shakespeares "Sturm" geträumt hatte - vielleicht gab es da in ihrem Bericht
einen Hinweis, oder es soll an die zwei "r" in Merran erinnern.
Kurtág scheint Netze
aus Querverweisen sehr zu lieben.
Peskó: Die sind mal weit entfernt, mal sehr naheliegend: Jeder dieser
Orchestersätze hat z.B. als Vorläufer eine eigene Solokomposition: Nr. 1,
2 und 4 waren ursprünglich Klavierstücke. Nr. 2 bringt gleichzeitig auch ein
historisches Zitat, es ist eine Bearbeitung von Johannes Walthers bekannter
Choral-Melodie "Aus tiefer Not", die auch von J. S. Bach mehrmals bearbeitet
wurde. Nr. 3, "Shadows", ist aus einem Stück für Cello solo hervorgegangen
- alle, die es bisher gespielt haben, sind der Meinung, dass es eine Beziehung
zu der von Mahler mit "schattenhaft" bezeichneten Triolenbewegung im Scherzo
der 7. Symphonie hat. Das vierte Stück ist "Les adieux - in Janáceks Manier",
der Adressat dieses entgültigen Abschieds ist der ehemalige deutsche Kulturattachee
in Budapest, Egon von Westerholt. Die "Manier" besteht darin, dass Kurtág
Anleihen bei einigen Formeln von Janáceks Melodiebildung und Harmonieführung
macht. In diesem Satz - wie übrigens auch im "Grabstein" - gibt es außerhalb
des Podiums, im Saal spielende Musiker; sieben Streichinstrumente, die von
einem sogenannten Hoteldämpfer sordiniert ganz leichte Töne erzeugen.
Was schreibt Kurtág
Ihnen in der fünften "New Message", die an Sie gerichtet ist?
Peskó: Ich hatte mir während der Komposition eine kritische Bemerkung
erlaubt, warum er bei einer solchen großen, orchestralen Serie nur langsame
Sätze schreibt. Er ist darauf erst mal nicht eingegangen, aber ein paar Wochen
später hat er mir dann dieses sehr lebendige Stück geschickt. Es ist die Neufassung
eines Fragments aus einem frühen Cimbalomwerk, den "Splittern" op. 6c.
Wem ist "Grabstein"
gewidmet?
Peskó: "Grabstein" ist für Stephan Stein geschrieben, er war Sänger
und der Ehemann von Marianne Stein, die vermutlich eine der wichtigsten Personen
im Leben von Kurtág ist. Sie führte dort eine Art literarischen Salon als
er 1957 in Paris war. Marianne Stein hat Kurtág sehr geholfen, seinen Weg
zu entdecken; sie war es vermutlich, die seine Aufmerksamkeit auf den musikalischen
Aphorismus gelenkt hat. Jedenfalls hatten wir das Gefühl, dass Kurtág auch
äußerlich als völlig anderer Mensch aus Paris zurückgekommen ist.
"Grabstein" enthält
einige Geräusch-Effekte, die man dem Titel nach so nicht erwarten würde...
Peskó: Ich kam 1989 einmal an einem Sonntagnachmittag mit Kurtág nach
einer Vorstellung von "Luisa Miller" aus der Mailander Scala - Sie wissen,
dieses Finale mit Luisas Tod und dem leisen Ausklang -, und draußen begegnete
uns ein Menschenmeer aus Fans des AC Milano, deren Mannschaft gerade den Pokal
gewonnen hatte. Es waren Tausende von Fans, mit billigen Hupen aus Plastik
und Trillerpfeifen. Ihr Jubel hallte durch die große Kuppel der Gallerie zwischen
dem Dom und der Scala und schwoll an bis zu einem ohrenbetäubenden, unerträglich
vulgären Geräusch. Kurtág meinte damals, dass er so etwas gerne in eine Komposition
einbauen würde, und ich habe ihm dann bei einem fliegenden Händler drei solcher
Plastik-Hupen gekauft. Deren seltsames Geräusch wurde in "Grabstein" zum Zitat,
die Solo-Gitarre spielt davor und danach ganz einfache, ausklingende Arpeggi
- ein größerer Kontrast in Laustärke und Ausdruck ist kaum vorstellbar.
Das Gespräch führte Ilja Stephan