Klangvoller Dialog zwischen den Epochen
Würden Sie die Kopie eines Rembrandt zum Preis des Originals kaufen? Sehen Sie. Weil jeder für sein gutes Geld das "Echte" haben möchte, propagiert auch die Musikbranche schon seit geraumer Zeit Spezialisten-Ensembles, historische Aufführungspraxis, Barockbögen und Darmsaiten. Alle dies soll dem marken- und qualitätsbewussten Audiophilen verbürgen, was jeder Musikliebhaber sich wünscht: das "wahre", das unerhörte Klangerlebnis.
Ein solches verspricht auch das Ensemble, das sich in der Saison 2002/2003 als Ensemble-in-Residence in der Hamburger Musikhalle mit einer eigenen Konzertreihe vorstellt. Nur dass das Ensemble Resonanz den umgekehrten Weg beschreitet: Eingedenk der Tatsache, dass es in der Musik gar keine Originale, sondern nur Interpretationen gibt, setzt man hier konsequent statt auf die einzig wahre auf die eigene Lesart. Und statt der historischen Nische, zielt man mit unkonventionellen aber beziehungsvoll komponierten Programmen auf den Widerhall zwischen den Epochen.
Für das erste Konzert ihrer Reihe "Resonanzen" haben die 18 Streicher eine Mischung aus Bachs altbekannten Goldberg-Variationen und Weberns Streichquartetten zusammengestellt. Zwei Welten, die sich im Konzertsaal in dieser Weise gewiss noch nie begegnet sind, zumal Bach hier in einer modernen Bearbeitung für Streichorchester des Ensemble Resonanz erklingt und die Quartette - in Weberns eigener Bearbeitung - zwischen die Zäsuren des altmeisterlichen Zyklus eingeschoben werden. So wird man vielleicht einmal nachvollziehen können, was sonst nur nachzulesen ist, dass es sich beim op. 28 des Wiener Meisters um eine reihentechnische Hommage über das BACH-Motiv handelt. Und auch im zweiten Konzert steht die Videokomposition "Weather", die der amerikanische Komponist Michael Gordon im Auftrag der Resonanz-Musiker geschrieben hat, zwischen den Teilen jener Opern-Ballette, mit denen Jean-Philippe Rameau vor über zwei Jahrhunderten die Multimedia-Events seiner Zeit untermalt hatte. Den Abschluss bildet mit Strawinskys "Apollon musagète" dann eine alte Ballett-Traditionen zitierende Musen-Vollversammlung aus dem Geist des Neoklassizismus.
Doch nicht nur mit dem Dogma des geschlossenen Kunstwerkes bricht das Ensemble: Man verzichtet entsprechend auch auf den werbewirksamen Stellvertreter des Komponisten auf Erden und organisiert das Zusammenspiel der wechselnden Besetzungen als GmbH von Anteilseignern - ohne Chef-Dirigenten. Gleiches Recht und gleiche Mitsprache für alle Musiker in allen Fragen. Basisdemokratie in der Kunst? "Am Anfang haben wir schon die Anleitung eines Moderators in Anspruch nehmen müssen", erklärt Geschäftsführer Ulf Werner, "aber inzwischen klappt das sehr gut. Außerdem arbeiten wir für jedes Projekt mit Dozenten zusammen - entweder den Komponisten der Auftragswerke oder Experten für den jeweiligen Stil mit denen ein Werk gemeinsam einstudiert wird. Und Stimmführer gibt's selbstverständlich auch bei uns." Also doch!
Da man zwar historische Instrumente, aber keine historischen Hörer nachbauen kann, ziehen die Resonanzler auch noch die letzte Konsequenz aus ihrem offenen Ansatz. In Werners Worten: "In angelsächsischen Ländern hat längst jedes Orchester eine eigene Jugendarbeit. Wir sind da in Deutschland nicht nur um Jahre, sondern um Jahrzehnte hinterher." Also führen Musiker des Ensembles den Hörernachwuchs in Gestalt von Hamburger Schülern forschend und probierend in die wechselhafte Welt der Klänge ein und erarbeiten mit ihnen eigene Kompositionen. Ein erstes Ergebnis dieses kreativen Experimentes wird unter dem Titel "Response" im Rahmen des Musikfestes ebenfalls in der Kleinen Musikhalle zu hören sein.
Offenbar ist man sich wohl bewusst, was man mit all dem wagt, und daher lädt das Ensemble Resonanz sein Hamburger Publikum unter dem Titel "Hörprobe" ein bis zwei Tage vor jedem Konzert der "Resonanzen" zur öffentlichen Generalprobe ein. Außerdem hat man mit Theo Geißler einen scharfzüngigen Vertreter der Kritikerzunft gewonnen, der am Abend eines jeden Konzertes zu einer Diskussionsrunde unter dem Titel "Lauschangriff" bereit steht. Dort können dann der Verfechter des Urtextes, der bekennende Postmoderne und der ganz normale Musikliebhaber miteinander disputieren über die zeitlose Wahrheit in der Kunst oder das Motto von Hamburgs erstem Ensemble-in-Residence: Durch Kontraste neue übergreifende Sicht- und Hörweisen vermitteln.
Ilja Stephan