Kaufen Sie einen Musiker
Beim Hören von Musik verschränken sich Erinnerung an Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu einem Spiel aus Wiedererkennen und Erwartung - wo Musik eine echte Zeitkunst ist, macht dies ihren Reiz aus. Es liegt also ein kluger, aus dem Wesen der Sache kommender Gedanke im Konzept des Hamburger Kammerorchesters Ensemble Resonanz, in ihren Programmen auf den Widerhall zwischen den Epochen zu setzen, und sich nicht in der einen oder anderen Marktnische zu behausen. Statt nur Barock oder nur Moderne zu spielen, mischen die Resonanzler in ihren Konzerten Purcell mit Xenakis, Bach mit Webern, Rameau mit Michael Gordon.
Es ist eine Eigenheit unserer Zeit, dass in ihr Musik der unterschiedlichsten Epochen und Stile gleichberechtigt nebeneinander steht - jede halbwegs gut bestückte CD-Sammlung enthält heute reichere musikalische Schätze als ein Bach sie in seinem ganzen Leben zu Gehör gekriegt haben könnte. Programme, die dieser Situation gerecht würden, wären eben solche, in denen Beziehungen hergestellt werden und Entlegenes sich wechselseitig beleucht. Man fragt sich also, warum es im überalterten Klassikbetrieb eine solche Frischzellenkur trotzdem so schwer haben sollte.
Mögliche Antworten bietet die Geschichte des Ensemble Resonanz, das als Ensemble-in-residence seit zwei Jahren neben Heizungskeller und Abstellraum in den Katakomben der Musikhalle seinen Sitz hat. Zwischen den Epochen zu springen, wie die Resonanzler es tun, erfordert von den Musikern ein weit über das übliche Maß hinausgehendes Engagement. So etwas leistet nur, wer in eigener Sache und Verantwortung arbeitet, und so ist das junge Ensemble als selbstverwaltete Gmbh von Anteilseigneren organisiert, die sich ihr Programm und ihre Solisten selber suchen. Es gibt keinen Chef-Dirigenten, und wo es sich machen lässt, fehlt ein Taktstockschwinger ganz. Wer könnte es den Musiker nicht nachfühlen?
Doch sich basisdemokratisch abzustimmen, erfordert ein Zigfaches an Zeit und Mühe; Zeit und Kraft, die für die freiberuflichen Musiker bares Geld ist. Und davon erwirtschaftet selbst eine gut verkaufte Konzertreihe, wie es die "Resonanzen" inzwischen sind, einfach zuwenig. Die Wahrheit ist, Kunst rechnet sich grundsätzlich nicht, sie Bedarf immer der Unterstützung - oder der Selbstausbeutung ihrer Protagonisten. Und weil auch die ihre Grenzen kennt, haben die Resonanzler in ihrer zweiten Spielzeit nun das "Kaufen-Sie-einen-Musiker"-Programm aufgelegt, bei dem man (anonym) ein Orchestermitglied erwerben kann, wie geneigte Mäzene in früheren Zeiten den Platz auf einer Kirchenbank oder einen Konzertsaalsessel.
Während in Hamburg also eine KlassikPhilharmonie mit nach dem "hire-and-fire"-Prinzip engagierten Saisonkräften Vicky Leandros begleitet und Haydnmozartbeethoven abnudelt - wofür deren Leiter vom Senat jüngst die Biermann-Rathjen-Medaille verehrt wurde -, müssen feste Ensemble, die bevorzugt Musik von Zeitgenossen spielen, Gema-Gebühren zahlen und auch fürs Leben ihrer Mitglieder Sorge tragen. Mit einer Kopie der fähnchenschwingenden "Last Night of the Proms" findet man in der Hansestadt leicht Sponsoren, mit "Response", einem musikpädagogischen Projekt, das die Resonanzler bei den letzten Hamburger Musikfesten angeboten haben, nicht.
Dass ihm Spieltrieb und Ideen trotzdem nicht ausgehen, zeigt das Ensemble Resonanz auch mit dem Programm des anstehenden vierten Konzerts der Renonanzen-Reihe im kleinen Saal der Musikhalle: Am 23. März widmen sich 23 Musiker 23 Minuten lang der von John Cage in seinem Numberpiece TWENTYTHREE vorgenommene Studie zur Verteilung von Klängen in Zeit und Raum. Dies kontrastiert musikalisch mit Richard Strauss' Studie für 23 Solostreicher "Metamorphosen", in der der Altmeister Beethovens "Eroica"-Trauermarsch zu einem Abgesang auf das im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs untergegangene alte Europa verwandelt. Solist bei Karl Amadeus Hartmanns "Concerto funebre", dem einzig dreiundzwanzig-freien Stück des Abends, wird der junge französische Violinist Renaud Capucon sein, den man in Hamburg jüngst sowohl beim NDR als auch mit einem eigenen Soloabend erleben konnte. Die Musiker des Ensemble Resonanz kennt Capucon schon seit Jahren und schätzt sie u.a. deshalb so, weil sie, wie er ihnen gerne attestiert, um der Musik willen genauso verschwenderisch mit ihren Ressourcen umgehen wie er selber: "Ich komme fünf Tage vorher, und wir Proben so lange, wie es eben braucht. So sollte das eigentlich immer sein."
Ilja Stephan