Von Ländlern
und Lustmorden
Vermutungen zu Wolfgang Rihms "Verwandlung", "Wilhelm Killmayer zum 75. Geburtstag
gewidmet"
"Ich kenne keinen kenntnisreicheren Menschen als Wilhelm Killmayer. Keinen, dessen Fantasie derart reich und eigengesetzlich bis zum Rand des Hermetischen geformt ist ... Wilhelm Killmayer verkörpert für mich genuine Radikalität." In diesem Satz von Wolfgang Rihm steckt nicht nur ein aufrichtiges Kompliment an einen Freund und Kollegen, sondern auch eine wohlgezielte Ohrfeige für eine verbreitete Form der Musikgeschichtsschreibung. Indem er gerade Wilhelm Killmayer "genuine Radikalität" bescheinigt, kämmt Rihm bewusst die übliche Fortschrittsgeschichte gegen den Strich, die die Radikalität und damit implizit auch den musikalischen Rang eines Komponisten nur an der Neuheit seiner Mittel, also am berühmt-berüchtigten "historischen Stand des Materials" festzumachen pflegt. Killmayer (Jahrgang 1927) dagegen komponierte auch in den Jahrzehnten, in denen das Serielle zum Dogma erhoben wurde, tonale Musik, hielt unbeirrt am Konzept des musikalischen Ausdrucks fest und wurde gerade deshalb zur Leitfigur einer neuen Komponistengeneration, die ab Mitte der 70er-Jahre einen Paradigmenwechsel in der Musik einleitete.
Wolfgang Rihm zählte neben Manfred Trojahn, Wolfgang von Schweinitz oder Hans-Jürgen von Bose zu den exponiertesten Vertretern dieser um 1950 geborenen Komponisten, für deren Ansatz man damals Etiketten wie 'Neue Subjektivität' oder 'Neue Innerlichkeit' prägte. 1974 verschreckte Rihm im Herzen der Avantgarde, in Donaueschingen, ein auf mathematische Rationalität gepoltes Publikum mit den eruptiven Klängen des 40-minütigen Orchesterstückes Morphonie. Und während dem vorherrschenden Denken der Zeit alle Innerlichkeit in der Musik als ideologieverdächtig galt, benannte er 1977 sein drittes Streichquartett solchen Tendenzen zum Hohn mit dem romantisch-empfindsamen Titel: "Im Innersten".
1979/80 verbrachte Rihm gemeinsam mit seinen Kollegen Peter Michael Hamel und Manfred Trojahn einige Monate in der römischen Villa Massimo. Neben der hohen Kunst widmeten sich die Stipendiaten dort auch launigen Klavierduo-Auftritten, die von Rihm und Wilhelm Killmayer als Ehrengast bestritten wurden, und bei denen man sich nach Herzenslust gegen den historischen Materialstand und die engen Grenzen ernster Musik versündigte. So schrieb Rihm für diese Gelegenheiten einen "Ohr- und Wurmwalzer" sowie einen "Sehn- und Suchtwalzer", Killmayer einen "Furcht- und Zitterwalzer" - "comic reliefs" für ein durchaus ernstes ästhetisches Problem. Und schließlich fällt auch die erste Killmayer gewidmete Komposition Rihms, ein "Ländler" für Klavier (1979), in diese Zeit.
So wird man in Wilhelm Killmayer einen entscheidenden Faktor in der "Einflussbiografie" von Wolfgang Rihm sehen müssen. Killmayers Definition von Musik als "Inbegriff der Freiheit" schwingt hörbar in Rihms "Ästhetik der musikalischen Freiheit" mit. Sie dürfte ein entscheidendes Moment gewesen sein, das es Rihm erlaubte, Anfang der 70er-Jahre zur einer Position frei von der Suggestion eines musikalischen Fortschrittes und von den übermächtigen Vätern der Avantgarde - allen voran dem eigenen Lehrer Karlheinz Stockhausen - zu finden. Helmut Lachenmann hat in diesem Sinne die Generation der um 1950 Geborenen als "vatermordende Darmstadt-Kinder" bezeichnet. Und Rihm hat sich noch 1999 bereitwillig, ja geradezu lustvoll, zu diesem Urteil bekannt: "Das Kindsein und die Ermordung von Vätern ist ja die Hauptbeschäftigung von Künstlern. Man muss einerseits ständig dran arbeiten, Kind bleiben zu können, und ständig Väter ermorden zu dürfen. Das ist ein permanenter Prozess. Wobei ich mit Väterermordung immer nur die durch Werke meine - das ist ja wohl klar. Das wurde schon missverstanden. Das heißt: durch künstlerische Setzungen, wobei das die eigentliche Tradition ist. Die Tradition geschieht durch 'Lustmorde'."
Der Kollege, dem Wolfgang Rihm sein heute uraufzuführendes Stück gewidmet hat, wäre also ein "brother in crime" - keine Vaterfigur, sicher ist sicher - bei der gewaltsamen Ab-Setzung des vorherrschenden Deutungsmonopols der bundesdeutschen Nachkriegsmusik. Ein "Lust-Mord" war dies, weil gegen das totale Strukturdenken und die mathematische Kontrolle des Materials, die Sinnlichkeit und Subjektivität des Künstlers wieder in ihre Rechte eingesetzt wurde. Außerdem wurde ein Weg eröffnet zur produktiven Wiederaneignung des gesamten musikalischen Erbes. Der Tabula rasa der 50er- und 60er-Jahre-Avantgarde und deren idiosynkratischem Umgang mit der Tradition konnte Rihm Ende der 70er unter dem Begriff des "inklusiven Komponierens" die Freiheit in der Wahl der Mittel und der historischen Bezugspunkte entgegensetzten - Ländler und Walzer inbegriffen.
Dieses Mithineinnehmen von Geschichte zählt bis heute zu den Grundlagen von Rihms Stil. Im letzten Stück, das Rihm für das NDR-Sinfonieorchester und Christoph Eschenbach zu den Millenniums-Konzerten 2000 komponiert hat, war aus gegebenen Anlass die Geschichte, also das Vergehen der Zeit, das Thema des Stückes. Mit "Spiegel und Fluss. Nachspiel und Vorspiel für Orchester" hatte Rihm damals dem ausgehenden Jahrhundert eine Postludium hinterhergeschickt, in dem manches hörbar an Gustav Mahler gemahnte, und sich zugleich in das neue Jahrtausend eingestimmt. Für das heute anstehende Stück hat der Komponist im Vorfeld wissen lassen, dass der Titel "Verwandlung" für ihn eine doppelte Konnotation habe: "Variation" - also ein technisches Verfahren, das bei Rihm, der viele Stücke in wechselnden Versionen und Zuständen vorlegt, eine allzeit geübte Praxis ist - und "Zauber", also die Qualität des Wunderbaren und Unvorhersehbaren. Man wird sich also überraschen lassen müssen ...
Ilja Stephan