Interview mit Esa-Pekka Salonen vom 29.1.2003 zur europäischen Erstaufführung von "Insomnia" (gekürzt abgedruckt in WamS 16.3.2003)
In Ihrem
Programmtext zu "Insomnia" bezeichnen Sie das Stück als eine Folge von Variationen,
nach den im letzten Jahr hier in Hamburg zu hörenden "LA Variations" also
erneut ein Variationensatz - spielt die Variation in Ihrem Denken eine so
große Rolle?
Salonen: Ja, unbedingt. Aber ich gebrauche das Wort "Variation" in
einem sehr weiten Sinne. Die Art von Variationstechnik, die ich benutze, hat
mehr zu tun mit einer Metamorphose, bei der die gesamte Gestalt sich ändert
und aus Dingen andere Dinge werden. In der klassischen Variation hören sie
untergründig immer noch das Original durch, bei der Metamorphose ist es dagegen
wie beim Schmetterling, der sich von der Larve über das Puppenstadium zum
Falter wandelt, und doch haben alle denselben genetischen Code. Meine Variationstechnik,
besonders in "Insomnia", beruht auf solchen Metamorphosen. Mich interessiert
der Gedanke sehr, wie aus Gestalten andere Gestalten hervorgehen, während
sie dieselbe DNA behalten - wenn also die Erscheinungen sich radikal verändern,
das Material aber gleich bleibt. Hierin unterscheidet sich meine Musik von
der serieller Komponisten.
In Verbindung mit Ihrer
Musik sprechen Sie häufig von musikalischen Archetypen, etwa dem Choral oder
der Maschine, welchen Zweck erfüllen diese Archetypen?
Salonen: Archetypen sind für mich eine Art, mit der Tradition umzugehen.
Auf diese Weise habe ich eine Anzahl grundlegender Kategorien, die eine Beziehung
zu historischen Modellen und Gestiken haben. "Maschinen" finden sie bei Beethoven
natürlich nicht, aber sie finden Ostinati, und die beiden Dingen haben - auf
einer bestimmten Ebene - eine Menge gemein. Also, vielleicht existieren solche
Archetypen ja in der gesamten Geschichte der westlichen Kunstmusik. Für mich
war es natürlich und hilfreich, Formen zu kreieren, die auf solchen Archetypen
beruhen. Ich entwickle diese Modelle von Stück zu Stück weiter, aber in einem
gewissen Sinne bleiben sie stets gleich - (lacht) das ist das Mindeste, was
sie von einem Archetyp erwarten können. Es ist eine Art, musikalischen Ausdruck
und Texturen in Typen und Kategorien zu unterteilen, um mit ihnen arbeiten
zu können.
Verbinden Sie mit
diesen Typen von Musik semantische Assoziationen, mit dem Choral z.B. religiöse
Gedanken?
Salonen: Nein, nicht im Sinne außermusikalischer Bedeutungen. Ein Choral
bedeutet für mich im Wesentlichen homophone Musik, es ist ein musikalischer
kein expressiver Archetyp. Ein Choral ist eine musikalische Textur, in der
das Hauptelement die Harmonik ist.
Im Vorfeld der Uraufführung
war zu hören, die Ursprungsidee von "Insomnia" sei Ihnen durch Beethovens
viertes Klavierkonzert gekommen?
Salonen: Als ich mit Christoph Eschenbach über diesen Auftrag sprach,
habe ich ihn gefragt, welches die anderen Stücke im Programm sein würden.
Und als ich hörte, dass Beethovens G-Dur-Konzert gespielt wird, dachte ich,
dass man das irgendwie harmonisch verbinden könnte. Das Faszinierende an Beethovens
Konzert ist ja die Eröffnung des Klaviers in G-Dur und die Antwort des Orchesters
eine kleine Terz höher in B-Dur. Es besteht da tatsächlich eine Beziehung
zu "Insomnia", aber es bräuchte ein Genie, das zu sehen. Bei Takt, ... einen
Moment (holt seine Skizzen) ..., es ist genau bei Takt 175 - 177, wo die Harmonik
auf G und B zur Ruhe kommt. Das ist alles was, von Beethoven übrig ist. Es
war einer der ersten Teile, die ich komponiert hatte; ich dachte damals, ich
könnte ein ganzes Stück über dieses harmonische Verhältnis schreiben, aber
dann hat es sich doch ganz anders entwickelt.
An der Instrumentation
Ihres Stückes fällt vor allem das Wagnertuben-Quartett auf, da denkt man natürlich
sofort an Wagners "Ring" oder Bruckners Siebente.
Salonen: Vom Standpunkt des Klanges aus, ist "Insomnia" von all meinen
Stücken dasjenige, das der deutschen Tradition am nächsten steht. Ich habe
den Klang der Wagnertuben immer geliebt, und ich weiß ganz genau, warum Wagner
dieses Instrument eingeführt hat: Es gibt eine akustische Lücke im Sinfonieorchester,
weil in der Region der kleinen Oktave nicht genug power ist. Wenn sie große
Akkord für Sinfonieorchester schreiben und einen satten Bass haben wollen,
fehlt da etwas. Wagner - Genie das er war - ließ seine Tuben bauen, um diese
Lücke zu füllen; so haben sie im Blech einen gleichmäßigen Klang in allen
Registern. Ich liebe Bruckners Siebente gerade des dunklen, metallischen Klanges
der Wagnertuben wegen, und ich wollte schon immer mal etwas für sie schreiben.
Da "Insomnia" für ein deutsches Orchester mit einer großen Bruckner-Tradition
komponiert ist, dachte ich mir: Das macht Sinn. Aber es gibt keine Wagner-
oder Bruckner-Zitate und auch keine Nostalgie - ich bin kein sonderlich nostalgischer
Typ.
Ihr neuestes Stück
hatte zuvor noch zwei andere Titel, "Suntory" und "Nox", warum heißt es jetzt
"Insomnia"?
Salonen: Das Stück wurde von der Suntory Foundation und dem NDR in
Auftrag gegeben und deshalb gab es eine Reihe von Namen. "Nox" war der Arbeitstitel,
aber als ich mit dem Stück fertig war, wurde mir klar, dass "Insomnia" präziser
ist. "Nox" meint nur "Nacht", aber das Stück hat nichts von einem Nocturne,
es geht mehr um die Angst und das Gefangen-Sein in Zwangsvorstellungen. Es
ist eine Art von zwanghafter Bewegung, in die sie hineingesogen werden, und
der sie nicht entkommen. In dem Moment, wo sie den Gedanken zu entkommen meinen,
verwandeln sie sich - eine Metamorphose von Zwangsvorstellungen.
Sie haben Ihr Saxofon-Konzert
mit Untertiteln aus Kafkas "Der Prozess" versehen und das Solostück Yta III
behandelt die tödliche Liaison einer Motte mit einer Kerzenflamme - sind solch
abgründige Sujets eine besondere Leidenschaft von Ihnen?
Salonen: Ich vermute, Kreativität ist für die meisten Künstler eine
Art, mit allen Seiten ihres Bewusstseins in Verbindung zu treten. Einer der
Tricks dabei ist, "abgründige Sujets" als Material und Inspiration für ein
Kunstwerk zu nutzen. Also, in diesem Sinne bin ich definitiv im Kontakt mit
der dunkleren Seite meiner Psyche. Außerdem, denken Sie an den Zustand der
Welt: Nach dem 11. September ist alles viel komplizierter geworden. Bestimmte
Dinge, die wir für selbstverständlich gehalten hatten, gelten nicht mehr.
Die dunkle Seite in "Insomnia" ist - auf einer bestimmten Ebene - ein Spiegelbild
dessen. Menschen auf beiden Seiten des Atlantik leben in einem Zustand der
Unsicherheit und Angst. Und die Regierungen werden mit dem Problem offenkundig
nicht fertig - zumindest die US-Regierung nicht. Es ist eine dunklere Welt
im Moment.
Für Ihr Orchesterstück
"Foreign Bodies" haben Sie auf Material aus "Dichotomie" für Klavier solo
zurückgegriffen, gibt es zwischen "Insomnia" und einem früheren Ihrer Stücke
eine ähnliche Beziehung?
Salonen: Mein Stück "Lachen verlernt" (2000) für Violine solo hat eine
sehr enge Beziehung zu "Insomnia". Es ist eine Art von kinetischer Energie
in dieser Musik, aber sie ist nicht ... glücklich. Energetisch aber nicht
glücklich, energetisch mit einem Unterton von Panik und Zwanghaftigkeit. Eine
Bewegung, die nicht Ausdruck der Freude ist, sondern physischer Ausdruck einer
Manie. Es gibt ein sehr virtuoses Solo für den Konzertmeister in "Insomnia",
das unmittelbar aus "Lachen verlernt" hervorgegangen ist.
Sie benutzen im Gespräch
häufig deutsche Worte, Kafka wurde schon erwähnt, und an anderer Stelle vergleichen
Sie als Finne in LA sich auch schon mal mit Tonio Kröger - in deutscher Literatur
sind Sie offenkundig sehr bewandert?
Salonen: Ja, ich bin ein großer Bewunderer von Thomas Mann, und ich
habe meinen Schopenhauer und meinen Nietzsche gelesen und Wagner natürlich.
Für uns Finnen ist der Einfluss der deutschen Kultur sehr stark - im Guten
wie im Schlechten, aber mehr im Guten. Thomas Mann beschäftigt mich auch deshalb,
weil er hier in LA war, wir wären praktisch Nachbarn gewesen. Aus naheliegenden
Gründen bin ich sehr daran interessiert, zu sehen, was aus den europäischen
Intellektuellen hier geworden ist. Hat es sie zerstört, hat es die Qualität
ihrer Arbeit verbessert? Mann hat hier seine vielleicht wichtigsten Bücher
geschrieben, z.B. den "Doktor Faustus", und Brecht den "Galileo". Für mich
sind das klare Beweise, dass das südkalifornische Klima an sich der Kreativität
nicht abträglich sein muss. Ich vergleiche mich in keiner Weise mit Leuten
wie Thomas Mann, aber ihre Exilsituation interessiert mich.
Fühlen Sie sich in
LA denn im Exil?
Salonen: Nein, ich bin ja freiwillig in LA und finde es ganz nett hier.
Trotzdem werde ich beinahe täglich daran erinnert, wie weit ich von zu Hause
weg bin. Es gibt Dinge im american way of life, die ich sehr genieße, und
solche, mit denen ich gar nicht zurechtkomme. Das Schwierigste an meinem Leben
hier ist, das es keine kulturelle Szene gibt, als deren Teil man sich fühlt,
so wie man das aus Europa kennt. Ich leite die größte kulturelle Institution
in LA, das bringt mich natürlich mit vielen Leuten zusammen, aber wenn ich
nach Paris, London, Berlin oder Helsinki gehe, habe ich das Gefühl, Teil eines
Netzwerkes zu sein. Das ist hier nicht so, und das macht mein Leben mitunter
recht einsam.
War das der Grund für
Sie, 2003 lieber ein Ostseeanrainer-Musikfest ins Leben zu rufen?
Salonen: Das ist eine Idee, die ich schon lange hatte. Als ich das
erste Mal seit dem Ende der Sowjetunion nach St. Petersburg kam, habe ich
verstanden, wie sehr wir Ostseeanrainer zusammengehören. Die Ostsee wird für
unsere Staaten immer - egal was aus der NATO oder der EU wird - die wichtigste
Verbindung bleiben, wie es das Mittelmeer für Südeuropa ist. Da ist so viel
gemeinsame Geschichte, denken Sie nur an Schleswig-Holstein, das hat ebenso
zu Dänemark wie zu Deutschland gehört. Oder die baltischen Länder, die waren
während der Sowjetzeit fast von der Landkarte verschwunden - nun sind sie
wieder da und ihr natürlicher geografisch-kultureller Rahmen ist die Ostsee.
Wird das ein Neue-Musik-Festival
werden?
Salonen: Es wird alles mögliche zu hören sein, die Hauptsache ist,
dass die Musiker aus dem Ostseeraum kommen. Ich habe auch Rock- und Folkgruppen
eingeladen.
Rockgruppen?
Salonen: Ich glaube, es gibt eine ganze Menge Innovationen gerade in
der Rockmusik. Die besten Bands heutzutage, "Radiohead" z.B., machen nach
an allen Maßstäben gemessen eine sehr interessant und kraftvolle Musik. Außerdem
haben Komponisten sich schon immer mit der populären Musik ihrer Zeit befasst,
denken Sie an Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Chopin, Strawinsky. Es wäre
verrückt, die Existenz dieses Teils der Welt zu ignorieren.
Ein orthodoxer Neutöner
waren Sie nie, Sie haben sogar mal von einer "Boulez-Berio-Darmstadt-Mafia"
gesprochen.
Salonen: Ich bewundere Boulez sehr, er hat mir viel geholfen, und ich
habe nichts gegen seine Musik. Auch Berio schätze ich sehr. Aber die Neue
Musik, die meinem Temperament entspricht, kommt eher von Lutoslawski und Ligeti.
Also Komponisten, die nicht direkt der seriellen Schule angehörten. Mir ist
die Vorstellung, Musik als Kombination von Parametern zu hören völlig fremd.
Für mich war das, was Lutoslawski, Ligeti und einige andere gemacht haben,
eine frische Sicht auf die Dinge, eine postromantische mitteleuropäische Musik.
Viele Serialisten schienen mir dagegen noch der romantischen deutschen Tradition
verhaftet - was natürlich daran liegt, dass sie Webern als Ausgangspunkt genommen
haben, von dem wir heute klar sehen können, dass er eigentlich ein Spätromantiker
war.
Lange hat man mit
finnischer Musik allenfalls den Namen Sibelius verbunden, heute gibt es eine
ganze Reihe renommierter finnischer KomponistInnen und Dirigenten, da scheint
sich bei Ihnen zu Hause einiges getan zu haben?
Salonen: Das ist ganz einfach, Finnland hat in den 70er-Jahren sein
System kommunaler Musikschulen stark ausgebaut, und nun trägt diese sehr gute
Musikerziehung ihre Früchte. Das Niveau der jungen Musiker in Finnland ist
sehr hoch. Soziologisch gesehen hat Musik in Finnland einen hohen Rang; Musiker
zu werden, gilt durchaus als gute Idee. Sie können damit zwar immer noch nicht
reich werden, aber sie erwerben sich Respekt, was genauso wichtig ist, vielleicht
sogar wichtiger. Außerdem wirkt die Idee nach, in Johan Sibelius die wichtigste
Persönlichkeit Finnlands zu sehen, weil er es geschafft hat, ein Land zu einen,
in dem man zwei verschiedene Sprachen spricht und das eine ziemlich verwickelte
Geschichte hat. Sibelius ist das Symbol der Einheit und - nicht im streng
historischen Sinne, aber der Idee nach - auch die wichtigste politische Figur
Finnlands.
Die Fragen stellte Ilja Stephan