Interview mit Esa-Pekka
Salonen vom 7.11.2008 zur deutschen Erstaufführung des Klavierkonzerts
In gekürzter Form erschienen in Welt am Sonntag, HH-Teil, vom 23.11.2008
Instrumentale Virtuosität
hat Sie schon immer fasziniert. Warum hat es 28 Jahre gedauert, bis Sie nun
Ihr zweites Konzert geschrieben haben?
Esa-Pekka Salonen: In meiner Studienzeit war der Gedanke eines Solokonzertes
problematisch geworden. Die Konzerte, die in den 1970- und 80er-Jahren geschrieben
worden sind, waren eher "Anti-Konzerte". Die Idee, Virtuosität zur Schau zu
stellen, gehörte einfach nicht zur ästhetischen Grammatik der Zeit. Gerade
die Vorstellung, ein Klavierkonzert zu schreiben, erschien mir als ausgesprochen
schwierig. Die beiden einzigen Klavierkonzerte der Nachkriegsmusik, die es
ins Repertoire geschafft haben, sind die Konzerte von Ligeti und Lutoslawski.
Wer das Wort "Virtuosenkonzert" hört, denkt an irgendwelche Charakterstücke
von Kreisler oder Sarasate. Das Herausforderung für mich war, Virtuosität
und musikalische Bedeutsamkeit zu verbinden. Die Zeiten haben sich geändert.
Heute ist es wieder leichter, eine solche Synthese zu erreichen. Es gibt nicht
mehr diese vielen Tabus, was ein Komponist angeblich nicht schreiben darf.
Und das ist gut so - für die Leute, die Musik schreiben und vor allem für
die Hörer.
Welches Modell hatten
Sie für Ihr Konzert? Die dreisätzige Satzfolge erinnert an die klassische
Form aller Konzerte von Bach bis Bartók.
Salonen: Es gibt kein wirkliches Modell für mein Konzert, aber - das
klingt jetzt ein wenig verrückt - ich habe viel an Mozart gedacht. Nicht was
den Duktus der Musik angeht, aber was Mozarts Art betrifft, das Klavier in
Dialog mit dem Orchester treten zu lassen. Statt der Gegenüberstellung von
Individuum und Kollektiv betrachte ich das Klavier als eine Art Partner, der
im Laufe des Konzerts verschiedene Rollen übernimmt. Es gibt unglaubliche
Momente in Mozarts Konzerten, wo das Klavier zum Kammermusikpartner wird und
z.B. mit den Holzbläsern zusammenspielt. Vor allem im ersten Satz habe ich
mich entschlossen, das Klavier aus dem Orchester heraus- und hereinzoomen
zu lassen. Das Klavier durchläuft mehrere Stadien, in denen es mehr oder minder
dicht an der musikalischen Oberfläche ist: Es gibt die klassische Gegenüberstellung
von Solisten und Orchester; es gibt Momente wo das Klavier zum Kammermusikpartner
wird und andere Stellen, wo es ganz in der Textur des Orchesters versinkt
und schließlich selbst zum Orchesterinstrument wird.
Die Musik im zweiten
Satz Ihres Konzertes beschreiben Sie als "synthetische Volksmusik". Was hat
man sich darunter vorzustellen?
Salonen: Der Gedanke einer "synthetischen Volksmusik" beschäftigt mich
schon lange. Ich denke dabei an eine Musik, die die Einfachheit und Direktheit
echter Volksmusik hat, ohne sich deshalb an einem konkreten ethnologischen
Vorbild zu orientieren. So eine Art Metapher für Volksmusik. Wenn man sich
die "Überlebensrate" von Musiken anschaut, hat viele Volksmusik bewiesen,
dass sie nahezu unzerstörbar ist. Als ich meine Musik fertig hatte, klang
sie für mich wie eine Art kybernetischer Balkanmusik. Meine ganz persönliche
Assoziation war die Vorstellung von einer existentiellen Krise in einer post-humanen
Gesellschaft, in der alle Menschen schon ausgestorben sind - was so in ca.
zehn Jahren der Fall sein wird, falls wir so weitermachen. Alles was bleibt,
ist eine künstliche Intelligenz, die sich notgedrungen eine eigene kulturelle
Vergangenheit erfinden muss, sobald sie sich zu einem bestimmten Grad von
Komplexität entwickelt. So ungefähr klingt meine "synthetische Volksmusik".
2009 wechseln Sie von
L.A. nach London. Woran hängt ihr Herz am meisten, wenn Sie auf die 16 Jahre
als Chef des L.A. Philharmonic zurückblicken?
Salonen: Ich habe in L.A. unglaublich viel gelernt. Das musikalische
Leben hier ist im Moment aufgeschlossener und vielfältiger als in den meisten
anderen Städten der Welt. Neue Musik ist ein völlig normaler und natürlicher
Programmpunkt. Mein größter Erfolg war, dies erreicht zu haben. Die Leute
erwarten nicht nur neue Musik, sie lieben diese Herausforderung. Unsere größten
Konzerterfolge in jüngster Zeit hatten wir mit zeitgenössischer Musik. Das
sollte überall so sein. Zu Brahms' Zeiten war das schließlich auch so. Wir
sind heute auf dem Weg zurück zu einem gesunden Musikleben, dessen aufregendste
Teil das ist, was im Moment komponiert wird. Nicht der x-te Beethoven-Zyklus
vom Dirigenten XY. Vergleichen sie das mit der Rock- und Pop-Musik. Die haben
ein Publikum, dass auf den neusten Song von Radiohead und das letzte Stück
von Björk wartet. Aber es reift heute auch eine Generation von Komponisten
heran, die sich nicht fürchtet, zu kommunizieren, die Teil des Dialoges sein
möchte.
Das romantische Bild
vom einsamen Künstler-Genie hat sich also entgültig erledigt?
Salonen: Schauen Sie sich Leute wie Beethoven, Bach, Michelangelo oder
Shakespeare an. Das waren praktische Leute, die unmittelbar auf ihre Zeit
reagiert haben. Vor allem, um ihr täglich Brot zu verdienen. Sie haben zu
bestimmten Anlässen und für konkrete Situationen Werke geschaffen. Die hätten
sich selbst nie als isolierte Inseln verstanden, sondern als hoch professionelle
Spezialisten, die etwas produzieren, das gebraucht wird. Der Geniekult hat
einigen Schaden angerichtet, weil die Idee des Komponisten, der für sein Publikum
schreibt, verschwunden ist. Ich glaube, die Musikgeschichte verläuft in Zyklen.
Es gab Zeiten intensiven Forschens, wie die Epoche der Notre-Dame-Schule,
als unglaublich komplexe, mehrsprachige Motetten komponiert wurden. Aber danach
ist das Pendel wieder in die andere Richtung ausgeschlagen. Dasselbe geschieht
heute mit der europäischen Avantgarde. Das war eine Zeit des Forschens, in
der die musikalischen Möglichkeiten dramatisch ausgeweitet wurden. Damals
sind fantastische Sachen komponiert worden, die die Zeit überdauern werden.
Aber für das musikalische Leben war es eine problematische Epoche, weil die
Ergebnisse solcher Forschungen nicht mit der "normalen" Musik in Einklang
zu bringen waren. So sind Inseln wie Darmstadt und Donaueschingen entstanden.
Heute stehen wir an der Schwelle einer neuen Periode, wo zeitgenössische Musik
wieder Teil eines größeren Zusammenhanges ist, der einfach "Musik" heißt.
In einem Essay
haben Sie beschrieben, wie ihnen in der Sauna sitzend mit einem Glas Whiskey
in der Hand Zweifel an Hegels Fortschrittsgeschichtsschreibung gekommen sind.
Machen Sie es sich mit intellektuellen Problemen nicht ein bisschen einfach?
Salonen: Ein leicht angetrunkener Esa-Pekka Salonen in der Sauna wird
Hegel schon nicht erledigen. Was ist denn ein Intellektueller? Jemand der
Bücher liest und ins Theater geht? Ich bin jedenfalls nicht interessiert an
Intellektualismen, die sich vom übrigen kulturellen Leben absondern, die jenseits
der tagesaktuellen Debatten sind. Ich will, dass Musik Teil der Gesellschaft
ist, und vor allem, dass die Art von Musik, die ich schreibe, Teil der Gesellschaft
ist. Was ich absolut nicht ertragen kann, sind Menschen, die sich selbst zu
ernst nehmen. Musik muss ernst genommen werden, die Kultur muss man ernst
nehmen. Aber das Leben und besonders die eigene Person sollte man nicht allzu
ernst nehmen. Es muss Raum bleiben für Ironie und Gelächter, ohne die wäre
das Leben unerträglich.
Die Fragen stellte Ilja Stephan