Bleibt der Mensch das
Maß aller Dinge?
(Interview vom 15.9.2003 zur Aufführung von STIMMUNG beim Hamburger Musikfest
2003;
gekürzt abgedruckt in "Die Welt", HH-Teil, 17.9.2003, S. 36.)
STIMMUNG scheint eine
recht bewegte Entstehungsgeschichte zu haben?
Stockhausen: Ich hatte damals die Gelegenheit einige Tage durch Mexiko
zu reisen und die alten Pyramiden und Stätten der alten Kultur dort zu sehen.
Für mich war vor allem die Raumerfahrung dieser Tempel und Ruinen wichtig.
Außerdem hatte ich ein Buch gelesen von Bernarl Diaz über die Eroberung Mexikos,
darin standen auch genaue Beschreibungen der Riten der Azteken. Die Verehrung
bestimmter Gottheiten bei diesem Volk und vor allem seine Opferbereitschaft
haben mich sehr beeindruckt. Ich fuhr dann nach Hause zu meiner Familie, die
in Connecticut wohnte in diesem Winter, und fing an mit einem Chorstück. Aber
meine Frau sagte zu mir, ich sollte unserer beiden kleinen Kinder wegen nachts
möglichst nicht so laut singen beim Komponieren. Also habe ich leise vor mich
hingesummt und dabei entdeckt, dass ganz bestimmte Räume in meinem Kopf resonierten.
Diese Resonanz konnte ich durch Übung künstlich verstärken. Ich habe das angefangene
Werk dann aufgegeben und STIMMUNG komponiert. Das ist, wie mir heute die Obertonfans
der ganzen Welt sagen und schreiben, das erste Modell einer Obertonmusik geworden,
die nicht asiatische Gesangsweisen kopiert. In meinem Stück werden die Obertöne
ganz genau mit Zahlen der Obertonreihe erzeugt in Hals und Kopf und im ganzen
Resonanzraum. Diese Technik habe ich dann erlernt und nach meiner Rückkehr
nach Köln ein dreiviertel Jahr lang zweimal die Woche mit den Musikern des
Collegium Vocale geprobt.
Was mich an STIMMUNG
frappiert hat, ist die Verbindung von Religion mit einer ziemlich expliziten
Erotik und ganz persönlichen Liebesgedichten, die ich so nicht öffentlich
gemacht hätte.
Stockhausen: Da sind Sie aber ein Sonderfall. Natürlich ist Religion
immer mit der Liebe zwischen Mann und Frau verbunden gewesen, das ist überhaupt
nichts Neues. Vielleicht ist das hier in der westlichen Kultur nicht so bekannt,
aber z.B. in der indischen Tradition ist es ganz selbstverständlich. Außerdem
ist die Verbindung von Religion und Erotik auch in meinem Werk nichts Neues,
MOMENTE z.B. ist voll von Erotik.
An einigen Stellen
habe ich ziemlich lachen müssen.
Stockhausen: Ich weiß. Das habe ich nie gescheut. Im Gegenteil, von
Zeit zu Zeit, wenn es zu ernst wird, muss man auch mal herzhaft lachen können.
Was an STIMMUNG auffällt,
ist ein völlig entgrenztes Zeitempfinden. Es scheint bei Ihnen die Absicht
zu geben, das menschliche Hören so weit zu entwickeln, dass es noch die 32
Stunden von LICHT als Zusammenhang hören kann.
Stockhausen: Ich denke eigentlich nicht so sehr daran, andere Menschen
zu erziehen, sondern schreibe, was ich selber erlebe, wenn ich z.B. im Studio
Gott weiß wie lange arbeite. Es gibt eine elektronische Musik mit Tonszenen
vom FREITAG aus LICHT. Sie dauert 146 Minuten ohne Pause. Ich habe das in
anderthalb Jahren im Studio produziert. Da bin ich ja ganz alleine, und ich
erlebe diese Zeit zum ersten Mal und spüre, ob ich noch weitergehen kann.
Es ist also das Resultat dessen, was ich selbst erlebt habe. - Ob andere das
nachvollziehen können, weiß ich natürlich nicht.
Während sich andere
Komponisten vom Projekt der Avantgarde, den Menschen und seine Musik neu zu
entwerfen, längst verabschiedet haben, halten Sie dessen Entwicklungsfähigkeit
offenbar für unbegrenzt?
Stockhausen: Ich glaube nicht, dass der heutige menschliche Körper
mit seinen Begrenzungen das Maß aller Dinge bleiben wird, sondern das wird
sich ständig evolutionär dehnen. Immer mehr Menschen werden in der Lage sein,
zunehmend größere Zeitspannen zu erleben, zu übersehen und zu planen. Es gibt
eine neue Art von Mensch, der nicht so zerstückelt ist. Man redet ja in der
Musik immer noch über "Stücke". Das ist etwas, was mir ganz merkwürdig vorkommt,
in Stücken, überhaupt in Teilen zu denken. Die nächste Generation wird vielleicht
die ersten Komponisten hervorbringen, die sich schon mit 20 Jahren vornehmen,
ihr gesamtes Leben lang ein einziges Werk zu schreiben, weil sie begriffen
haben, dass das Wechseln und in möglichst vielen Stilen zu schreiben, ein
geistig wesentlich unentwickelterer Zustand ist, als ein großes Werk zu formen.
Es hat früher Künstler gegeben, die große Kathedralen gebaut haben, die überhaupt
keine Angst hatten vor der Zeit, vor der Dauer und dem Raum. Die haben über
ihr Leben hinaus bauen lassen, was sie entworfen hatten. In der Musik wird
es höchste Zeit, dass wir nach dem "Stück"-werk der Vergangenheit größere
Zeiten gestalten.
Ihr Werk stand von
Anfang an auch in einem festen Zusammenhang mit Wissenschaftlichkeit und neuen
Methoden der Klangerzeugung?
Stockhausen: Ich sehe keinen anderen Sinn im Komponieren als mit jedem
Werk in ganz verschiedenen musikalischen Bereichen etwas zu formen, was man
noch nie probiert hat. Das betrifft die Speizungen im Raum, die Spreizungen
in der Zeit, die Erweiterung der Parameter. Ich erforsche seit Jahren die
Mikrowelt, nicht nur mit Multiplikationen durch Ring-Modulatoren wie in den
60er- und 70er-Jahren, sondern im Werk YPSILON bin ich so weit gegangen, eine
kleine Terz in 16 Tonstufen zu unterteilen, und die Interpreten können das
perfekt hören. Man kann ins Kleine sehr sehr weit gehen. Ich habe die letzten
zwei Wochen jeden Tag acht Stunden Aufnahmen gemacht, da hatten die Klarinettisten
bestimmte Tonhöhen gleichzeitig zu spielen. Es ist unglaublich, wenn sie in
die dreigestrichene Oktave kommen und dasselbe F spielen, was da für unwahrscheinliche
Schwebungen entstehen, mit Accelerandi und Ritardandi im Ton selbst. Ein wunderbares
Leben entfaltet sich da. Genauso interessiert es mich ins Kleine der Zeitintervalle
zu gehen und so die Zeit zu pulverisieren, dass man zuerst meint, 'das kann
man ja gar nicht hören'. Aber wenn man es oft hört, oder einfach mal verlangsamt,
dann bemerkt man, 'da ist ja eine ganze Welt an Beziehungen'. Es ist sehr
wichtig, dass man keine feste Vorstellung davon hat, was der Mensch hören
kann, sondern erkennt, dass der Mensch sich mit den Werken immer weiter entwickelt.
In FREITAG kommt es
z.B. auch zu sehr seltsamen Paarungen von Menschen und Maschinen - haben Sie
Verständnis, dass manche Ihrer Visionen beim Publikum Entsetzen auslösen?
Stockhausen: Es ist aber Dummheit, das mit Entsetzen zu beantworten.
Unsere ganze so genannte moderne Gesellschaft ist doch so, dass sie technische
Dinge behandelt, als ob es lebendige Wesen wären. In dem Sinne habe ich die
VERSUCHUNGEN in FREITAG in ganz vielen Varianten dargestellt, wobei Menschen
sich mit Tieren verbinden oder mit technischen Apparaten ein Liebesverhältnis
haben - ein Rennfahrer mit seinem Auto zum Beispiel. Da gibt es ganz viele
Varianten in dieser Oper, dass Geräte gebaut und benutzt werden, als ob es
menschenähnliche Lebewesen wären.
In der "Zeit" war mal
ein Bild zu sehen, von einer Maus auf deren Rücken Dank Gentechnik ein menschliches
Ohr wächst - was da auf uns zukommt hat doch etwas Monströses.
Stockhausen: Das ganze Universum ist so, dass für uns Menschen, von
unserem Planeten her beurteilt, vieles als monströs empfunden werden wird,
wenn man eines Tages andere Kulturen und Situationen entdeckt.
Vor zwei Jahren haben
Ihre Reflektionen über den Kunstcharakter von Terroranschlägen das Hamburger
Musikfest gesprengt - wie stehen Sie heute zu diesen Äußerungen?
Stockhausen: Der Mensch vom NDR, der das publiziert hat, hat nur einen
Torso verbreitet - und damit für sich viel Reklame gemacht. Ich wurde gefragt,
ob ich die Protagonisten meines Werkes LICHT MICHAEL und LUZIFER für mythologische
Gestalten aus der Vergangenheit halte, und ich habe gesagt, nein, sie sind
ewig und beeinflussen immer das Leben der Menschen heute, zum Beispiel Luzifer
in New York. Wenn ich gesagt habe, dass sei das größte Kunstwerk, so war für
alle Anwesenden klar, dass ich meinte, LUZIFERS Kunstwerk - denn der ist ja
ein Virtuose der Zerstörung.
Das Gespräch führte Ilja Stephan