Bericht vom Tongyeong Music Festival 2001

Es gibt Orte, an denen man ganz entschieden kein Festival für zeitgenössische Musik vermuten würde. Der Ort Tongyeong etwa - eine mit dem Bus umständlich zu erreichende Kleinstadt am Südzipfel Koreas, ist eigentlich ein von der Fischerei geprägter Ort mit einem Postkartenhafen und quirligen Märkten in engen, vom Verkehr verstopften Straßen. Der Fischerei aber geht es zunehmend schlechter, und die Stadt muss sich neue Quellen erschließen, um ihr Überleben zu sichern, wobei man ganz auf die Tourismuskarte setzt. So verkünden Bauschilder am Eingang zu alten Wohnvierteln in Hafennähe, dass hier brandneue Touristenzentren in Planung seien. Zwar sind die Häuser der Abrissviertel heruntergekommen und zum Teil verlassen, aber ihre traditionelle Bauweise mit den geschwungenen Dächern, einer um das Haus gezogenen Mauer und dem Eingansportal bezeugt noch, wie es hier früher - vor den Japanern, die als Kolonialerbe zweckmäßige Schachtelbauten hinterlassen haben - ausgesehen haben muss.

In Tongyeong setzt man auf das Neue, Repräsentative und auf den großen Sohn der Stadt, Yun Isang - dessen Musik im Südteil des Landes überhaupt erst seit 1994 wieder gespielt werden darf. Nach ihm wurde jetzt unter großer Anteilnahme lokal- und landespolitischer Prominenz eine Straße benannt. 790 Meter lang, wie ein notenschlüsselförmiges Schild am Anfang verkündet und mit einem Gedenkstein am Ende. Über der Altstadt mit ihren allgegenwärtigen Fischständen thront seit zwei Jahren, auf einem Hügel wie eine Burg, eine neue Mehrzweck-Konzerthalle. Funktional-modern in der Architektur, mit dekorativen Anklängen an asiatische Giebel und von einem Skulpturengarten mit europäischer Gegenwartskunst umgeben.

Hier fand vom 16. - 19.2. das zweite Tongyeong Music Festival statt, das in diesem Jahr gemeinsam vom Sender Masan BC, der Provinz Kyongnam, der Stadt Tong Yong, dem Goethe Institut Seoul, der Internationalen Isang Yun Gesellschaft sowie der Korean Society of Women Composers getragen wurde. Die Musik von Komponistinnen bildete 2001 den erklärten Schwerpunkt des Festivals, dass unter dem Titel "Music & Women" stand. Denn Musikausübung ist in Korea heute eine stark von Frauen dominierte Sparte, wie bereits ein Blick auf das zu zwei Dritteln von Frauen besetzten Festival-Orchester zeigt, das man sich für diesen Anlass aus der benachbarten Kreisstadt Changwon "ausgeliehen" hatte. Die auffällige Dominanz der Frauen rührt nach Auskunft der Beteiligten daher, dass man die Jungen im wertekonservativen Asien bevorzugt "etwas Anständiges", sprich Einträglicheres, lernen lässt. In jedem Falle hat Korea einen gut organisierten und mitgliederreichen Komponistinnen-Verband - jährlich schließen etwa 400 Studenten an den zahlreichen meist privaten Universitäten des Landes ein Kompositionsstudium ab -, der seine über dreißigjährige Geschichte auf einer eigenen Ausstellung präsentierte.

Auf dem Programm des Eröffnungskonzertes stand neben Isang Yuns Vierter Symphonie, die den Frauen Asiens gewidmet ist, und Sofia Gubaidulinas spätromantisch angehauchtem Violinkonzert "Offertorium" das Orchester-Stück "Der 20. Psalm" der jungen koreanischen Komponisten Shinuh Lee. Sie hat in England studiert und lehrt heute an der Seoul National University. Ihre Biografie wie ihr gemäßigt moderner Kompositionsstil - das Programmheft enthielt eine ausgiebige motivisch-thematische Analyse aus der Feder der Komponistin - sind damit typisch für eine Vielzahl europäisch bzw. US-amerikanisch geprägter Musikerinnen in Korea, die in ihrer Arbeit ganz auf den Typus europäischer Konzertmusik setzen.

Ein ganz anderen Weg nehmen dagegen die Komponistinnen, die in einem nächtlichen Studiokonzert präsentiert wurden. Als Alternative zu europäischem Instrumentarium und Techniken wurde hier versucht, zeitgemäße Musik für Instrumente und Klangvorstellungen der koreanischen Hofmusik zu finden. Dies ist vor allem mögliche, weil mit den Solisten vom Contemporary Ensemble, Korea, ausgezeichnete Musiker zur Verfügung stehen, die in beiden musikalischen Welten bewandert sind.

Einen didaktischen Einstieg in die europäische Moderne bot dagegen der Orchesterworkshop mit dem Dirigenten Jobst Liebrecht, der in einem Gesprächskonzert zusammen mit der Komponistin Isabel Mundry das Neue-Musik-unerfahrene Publikum nicht nur mit Weberns analytischer Instrumentation der Bach-Ricercar konfrontierte, sondern auch mit den für Orchester und Publikum völlig unerhörten Tönen von Mundrys "Words I" und "Flugsand".

Den Abschluss des Festivals bildete ein reines Isang Yun Konzert des versierten Isang Yun Ensembles, Berlin, dass mit Stücken von "Images" (1968) bis zu den späten "Ost-West-Miniaturen" (1994) einen guten Überblick über die stilistische Entwicklung Yuns bot.

Auf einem dem Festival angeschlossenen Symposion zeigte sich, dass die Reaktion auf Yuns Musik, die nach eigenem Anspruch ein Stück Koreanischer Identitätsstiftung sein soll, entlang der bereits angedeuteten Trennlinien verläuft: Von vielen in der asiatischen Hörerfahrung Verwurzelten wurde sie als "Spezialistenmusik", als von Aufführungssituation und Besetzung her lupenreine Konzertmusik europäisch-modernen Zuschnitts empfunden - und somit als für eine asiatische Identitätsbildung in Sachen Neue Musik schlichtweg irrelevant. Dem stand die Einschätzung in der neuen europäischen Musik Beheimateter gegenüber, denen Yuns Musik auf mehr oder minder unbestimmte Art "asiatisch" erschien, in jedem Falle aber mit einem im Laufe der Jahre immer stärker heraustretenden Zug ins Europäisch-Traditionelle behaftet.

Es ist absehbar, dass die weitere Entwicklung sich in diesem Spannungsfeld zwischen den mittlerweile allgegenwärtigen "Vier Jahreszeiten" und "Brandenburgischen Konzerten", dem Bemühen um die europäische Avantgarde und dem Versuch, die reiche eigene Musiktradition über den kanonische gewordenen Bestand hinaus fortzuschreiben, abspielen wird. Wobei offenkundig ist, dass die wenigsten KomponistInnen gewillt sind, dem Vorbild des langsam auch in seinem Heimatland stärker zur Geltung kommenden Yun einfach zu folgen. Selbst die in Deutschland lebende Koreanerin Younghi Pagh-Paan, die Yuns Einfluss nie geleugnet hat, sucht im Erbe ihrer Heimat eher nach unverbrauchten Ressourcen, wenn sie etwa (statt der zeremoniell-statischen Hofmusik) den rhythmischen Elan und die Dramatik der bäuerlichen Volksmusik in ihre Stücke einbringt.

Für die Zukunft des Festival ist so einerseits geplant, den Kreis der teilnehmenden Staaten über Korea hinaus auf China, Japan und die südostasiatischen Länder auszudehnen, andererseits soll in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut Seoul und der Yun Gesellschaft der Kontakt zu Personen und Institutionen der neuen europäischen Musik erhalten und ausgebaut werden - etwa durch eine ins Auge gefasste Zusammenarbeit mit Heinz Holliger, dem Ensemble Recherche Freiburg oder den Darmstädter Ferienkursen.

Ilja Stephan

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