Interview mit Esa-Pekka
Salonnen vom 28.7.2005 zur Aufführung von "Wing on Wing" in
Hamburg.
In Auszügen
erschienen in: Programmheft NDR Sinfonieorchester 23.9.2005 und in: DIE WELT
vom 14.9.2005, Hamburg-Teil, S. 40)
In "Wing on Wing"
arbeiten Sie mit sound samples, die über Lautsprecher zugespielt werden. Wie
wird das konkret realisiert, kommt der Klang von zwei Lautsprechern vorne
auf der Bühne oder zirkuliert er im Raum?
Esa-Pekka Salonen: Der Klang soll im Raum zirkulieren; das wird mit
einem Vierkanalsystem realisiert. Die samples wandern durch verschiedene Positionen,
am Anfang kommt der Klang noch von vorne; im Mittelabschnitt, wenn der Ton
des Fisches Plainfin Midshipmann zugespielt wird, beginnt er dann durch den
Raum zu wandern.
Glauben Sie, dass das
Konzept der Räumlichkeit in der Musik zukünftig wieder verstärkt eine Rolle
spielen wird? Dergleichen gab es ja einmal mit der barocken Mehrchörigkeit,
und jemand wie Stockhausen erträumt sich die Musik der Zukunft als eine, bei
der die Klänge aus allen Richtungen kommen.
Salonen: Ich glaube nicht, dass die Zukunft der Musik so räumlich sein
wird, wie es z.B. im Barock der Fall war. Die meiste Musik wird heute stereofon
konsumiert, weil nun mal das Meiste, was heute gehört wird, von der CD, vom
Mp3-file oder aus dem Radio kommt. Und was die Aufführung klassischer Musik
im Konzertsaal angeht, so hat es natürlich spezifisch räumliche Musik in der
Musikgeschichte gegeben, z.B. Monteverdis Vespern oder Berlioz' Requiem. Stockhausens
Ideen zu einem multidimensionalen Klang sind in vieler Hinsicht revolutionär,
aber ich glaube trotzdem nicht, dass dies die Zukunft der klassischen Musik
sein wird. Räumlichkeit als ein Element in der Musik ist ein sehr interessantes
und faszinierendes Phänomen. Aber es ist etwas dran an dieser Gegenüberstellung
von Musikern auf der Bühne und dem Publikum im Saal - alleine die Sitzordnung
schafft schon eine gewisse Dramaturgie.
Ist es nicht eine sehr
künstliche Hörsituation, in der der Klang frontal von vorne kommt. Im "normalen"
Hören kommt der Klang ja auch von allen Seiten, und mach ein Musikliebhaber
versucht deshalb inzwischen mit Dolby-surround ein quasi-natürliches Hörerlebnis
ins Wohnzimmer zu holen?
Salonen: In einer guten Konzerthalle hören sie ganz bestimmt nicht
nur einen direkten Klang von vorne, da gibt es Tausende von Reflektionen von
allen Seiten. Die "natürliche" Art des Hörens wäre das Hören im Freien. Wenn
sie ein völlig "natürliches" Hören haben wollen, müssen sie in die Savanne
gehen - was der ursprüngliche Lebensraum der menschlichen Rasse war. Sobald
sie sich in einem Raum befinden, büßen sie Teile dieses natürlichen Hörens
ein, weil die Klänge von allen vier Wänden reflektiert werden. Ich glaube
nicht, dass solche "Originalklang"-Bestrebungen auf dem Feld des Hörens eine
große Chance haben.
Welche Rolle spielt
die Idee der Opposition von "Künstlichkeit" und "Natürlichkeit" in Ihrem Denken,
zum einen, was Ihre eigene Musik angeht, zum anderen was Ihren Blick auf die
Musikgeschichte angeht? Bei Ihrem anstehenden Konzert verbinden Sie Ravel,
den Meister des Artifiziellen, mit Sibelius, den Sie selbst einen "Gärtner"
genannt haben.
Salonen: Die Gegenüberstellung von "Mechanismus" und "Organismus" ist
für mich ein fundamentaler Gedanke. Ravel ist ein Komponist, der musikalische
Uhrwerke - kleine Maschinen, wenn sie so wollen - geschaffen hat. Sibelius
war an Maschinen nicht interessiert, noch wäre er in der Lage gewesen, so
etwas zu komponieren. Seine Art, Formen zu schaffen, erinnert an biologische
Strukturen, die durch eine DNA bestimmt werden; sie sind gerade nicht aus
kleinen Teilen zusammengesetzt, wie bei einer Maschine, sondern sind bestimmt
durch einen Code, der sich multipliziert und auf diese Weise Entwicklung schafft.
In Dingen der musikalischen Form ist dieser Gegensatz für mich ein wichtiger
Grundgedanke. Aber dieser Gegensatz ist nicht absolut: Natürlichkeit und Künstlichkeit
sind - optisch gesprochen - eher eine Frage der Auflösung. Unter dem Mikroskop
betrachtet wird eine DNA aussehen wie eine Maschine, weil sie die verschiedenen
Aminosäuresequenzen unterscheiden können. Und umgekehrt, wenn sie sich eine
komplexe Maschine wie z.B. New York aus dem Weltall anschauen, dann wird es
umso mehr wie ein Organismus aussehen, je geringer die Auflösung im Detail
ist. Das ist ein faszinierender und komplexer Sachverhalt, weil sich semantische,
physikalische und philosophische Fragen in ihm überlagern.
"Wing on Wing" ist
ein Stück über das Verschmelzen von Natürlichem und Künstlichem?
Salonen: Es ist ein Stück über Naturmetaphern, die auf technischem
Weg realisiert werden, über Naturmetaphern und wie man sie zum Funktionieren
bringt.
Um einen ähnlichen
Gegensatz dreht sich offenbar auch das, was Sie über das Phänomen des Ausdrucks
denken. Sie halten den Ausdruck in der Musik nicht für eine geistige, sondern
für eine körperliche, physiologische Angelegenheit?
Salonen: Ich glaube, dass Musik im Grunde ein biologisches Phänomen
ist; sie ist Teil von uns als einer biologischen Spezies und nicht ein ursprünglich
kulturelles Phänomen. In Musik geht es nicht um Ästhetik, es geht um uns als
Gattungswesen und um unsere biologische Grundausstattung. Musikalischer Ausdruck
ist nicht nur eine Sache der höheren Schichten des Bewusstseins, es ist ebenso
sehr eine Sache des Körpers. Ich glaube, dass Musik und Sprache ursprünglich
mal eins waren. Diese Rede aus Musik und Sprache wurde benutzt, um die tiefsten
emotionalen Gehalte zu vermitteln. Die Sprache hat sich, so denke ich, von
der Musik gelöst, als der Mensch sich niedergelassen hat und anfing Ackerbau
zu treiben. Da brauchte man ein Instrument, um seine Umgebung exakt zu beschreiben
und zu sagen: "Dort steht ein Baum", oder "Dies ist mein Land, das ist dein
Land". Musik ist als eine tiefere Schicht in unserem Gehirn übrig geblieben;
bis heute werden Musik und Sprache in ganz verschiedenen Hirnregionen verarbeitet.
Deshalb glaube ich auch nicht, dass man Musik als ein rein cerebrales Phänomen
beschreiben und analysieren kann.
Musik gilt als eines
der künstlichsten Dinge, die der Mensch geschaffen hat. Eine berühmte Definition
lautet, Musik sei "Arbeit des Geistes in geistfähigem Material".
Salonen: Da bin ich völlig anderer Meinung. Ich halte Musik für das
konkreteste, was der Mensch je geschaffen hat. Musik ist eine soziale Funktion
des Menschen. Musik als "Geist" ist eine Idee deutscher Philosophen der 19.
Jahrhunderts. Musik ist ebenso wenig Geist wie unserer Stoffwechsel oder unser
Fortpflanzungsapparat. Wir können gewisse Funktionen unseres Reproduktionsapparates
in poetischen Termini wie "Liebe" oder "Lust" beschreiben und sie mit romantischen
Konzepten belegen, aber im Grunde bleiben sie ein biologischer Sachverhalt.
Das gleiche gilt für Essen oder Wein, es bleibt dabei, dass wir diese Dinge
verzehren und z.B. in Energie verwandeln. Das macht einen edlen Wein als Phänomen
nicht minder faszinierend.
Sie sprechen von Musik
und ihrer sozialen Funktion. Ihre neue Konzerthalle, die Walt Disney Concert
Hall, ist als ein Aushängeschild der Hochkultur in einen Teil von downtown
Los Angeles gebaut worden - quasi eine Stadtentwicklungsmaßnahme, die Publikum
und Leben anziehen soll. Funktioniert dieses Konzept?
Salonen: Als die Idee zu Disney Hall Ende der 1980er-Jahre geboren
wurde, war es noch kein Stadtentwicklungsprojekt. Einige Leute hatten einfach
die visionäre Idee, eine Konzerthalle von internationalem Niveau mitten hinein
in dieses urbane Desaster eines nicht besonders schönen Stadtteils zu bauen.
Dieses Projekt war derart utopisch, dass es eine sehr lange Zeit gebraucht
hat. Aber jetzt wo die Halle da ist, steht sie in Verbindung mit anderen Projekten
wie z.B. einer Sportarena oder der "Our Lady of the Angels"-Kathedrale, und
alle diese Dinge zusammen haben downtown Los Angeles wiederbelebt. Die Politiker
haben inzwischen das Potenzial dieses Stadtteils erkannt, und jetzt wird ein
großes Stadtentwicklungsprojekt geplant - als Disney Hall konzipiert wurde,
war an so etwas noch nicht gedacht worden. Es hat sich in der Tat viel verändert,
Dinge die sie messen können und solche, die sich nicht messen lassen. Die
Anzahl der Besucher von downtown Los Angeles ist erheblich angewachsen, der
Umsatz der umliegenden Geschäfte ebenfalls, die Leute kommen von weit her,
um sich vor Disney Hall fotografieren zu lassen. Beinahe jeder Auto-Werbespott
in den USA zeigt inzwischen die Walt Disney Concert Hall - als ein Symbol
der Verbindung von Technik und menschlichen Werten, oder was auch immer. In
einem gewissen Sinne ist die Halle ein Teil des mainstream geworden.
Gibt es ein bestimmtes
Programmkonzept für diese Halle? Was für Musik kann man bei Ihnen hören?
Salonen: Sie können eine sehr große Bandbreite an Musik hören: Barockorchester,
Musik von Xenakis, Berio, John Adams, Cher, Barbara Streisand, Beethoven,
Bruckner oder japanische Gagaku-Ensemble, Jazz oder Kammermusik. Ich genieße
die Idee der Konzerthalle als eines Füllhorns von Musik. Etwas, das seine
Umgebung stimuliert. Ich sehe sie nicht als etwas Exklusives, sondern als
einen Ort, der dazu gemacht ist, Debatten, Energie und Enthusiasmus zu erzeugen.
Ein Ort, der völlig offen und einladend ist, und eine Quelle von Freude, Befriedigung
und Herausforderung.
Wenn Sie als Dirigent
und Komponist die Chance hätten, ganz nach Ihren eigenen Ideen eine Stätte
zum Spielen und Hören von Musik zu schaffen, wie würde die aussehen?
Salonen: Ich bin in der glücklichen Lage gewesen, während der Planungsphase
der Disney Hall zahllose Stunden mit Frank O. Gehry zu verbringen und mit
ihm über die Idee einer Konzerthalle und darüber, was Musik in der Gemeinschaft
bedeutet, zu reden. Jedes Mal wenn ich die Disney Hall betrete, weiß ich,
dass ich in meinem Leben nie wieder so nah daran sein werde, einen solchen
Raum mitzugestalten. So gesehen, bin ich zufrieden. Ich war über 15 Jahre
lang am Prozess dieser Halle beteiligt und nun ist sie da.
Interview: Ilja Stephan