Ilja Stephan Musikpublizist

Themen

Komponisten

Interpreten

Ostasien

Hamburg

Radikalissimo
Der Mensch und Musiker Luigi Nono
in: Programmbuch Elbphilharmonie Hamburg, März 2024

Man muss kein Graphologe sein, um bereits aus dem Schriftbild von Luigi Nonos Aufzeichnungen einen Rückschluss auf den Menschen zu wagen: lange Ketten von Ausrufungszeichen, doppelte und dreifache Unterstreichungen, vielfarbige Markierungen, Großbuchstaben, alles was Wichtigkeit und Dringlichkeit suggeriert. In den Partituren bietet sich dasselbe Bild: äußerste Extreme bei den Lautstärken, zigfaches Piano und Forte, bei Vortragsbezeichnungen ist der italienische Superlativ „… issimo“ besonders beliebt, und nahezu jede Note kriegt eine Fülle detaillierter Artikulationsanweisungen mit auf den Weg. Der Mann war klarerweise ein Emphatiker, der mit jeder seiner Äußerungen um Intensität und Ausdruck rang.

Sein gesellschaftliches Auftreten konnte von derselben Unbedingtheit sein, es entsprach der Hingabe an seine Ideale: Aus einer Aufführung der Oper „Elegie für junge Liebende“ seines Freundes Hans Werner Henze etwa verabschiedete Nono sich unter demonstrativem Protest. Dass der Genosse Henze, beide waren Mitglieder der Kommunistischen Partei Italiens, solch unpolitisches Liebesgeplänkel für ein bourgeoises Publikum schrieb, empörte den Kompromisslosen zutiefst. Für Nono war klar, Künstler hatten die Welt nur verschieden dargestellt, es kam aber darauf an, sie zu verändern. Bei der anschließenden Aussprache der beiden ging dann im Wortsinn noch einiges Porzellan zu Bruch, aber ihre Freundschaft blieb (vorerst) intakt.

Auch Nonos Arbeitsweise bezeugt diese Radikalität im Dienste der Sache. So findet sich unter den Skizzen zu der Klavierkomposition „… Sofferte onde serene …“, die Nono für seinen künstlerischen und politischen Weggefährten Mauricio Pollini schrieb, die Zeichnung zweier Hände, bei denen die Finger getreulich von eins bis fünf durchnummeriert sind. So bringt man Klavierschülern in der ersten Stunde Fingersatz nahe. Hier aber schrieb ein international renommierter Komponist für einen der größten Pianisten unserer Zeit. Doch genau dies war Nonos Methode: Er begann bei dem, was die Wirklichkeit ihm vorgab, analysierte und zergliederte den Rohstoff der Welt bis hinunter in seine elementarsten Zusammenhänge, spielte alle möglichen Kombinationen und Konstellationen durch und konstruierte schließlich aus dem so destillierten Material seine Werke. Wie heißt es bei Marx: „Radikal sein ist, die Sache bei der Wurzel fassen.

Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch. So nimmt alle Musik Nonos ihren Ausgang von menschlichen Anreizen, persönlichen Begegnungen, Eindrücken, „Texten des Lebens“ (Nono). Und in letzter Konsequenz bezweckt alle seine Kunst die Transformation menschlicher Wirklichkeit. „Das Ohr aufzuwecken, die Augen, das menschliche Denken“, ist ihr Ziel. Dessen Umsetzung löste allerdings seit jeher heftige Irritationen aus: Bei denjenigen, denen politische Kunst suspekt war ohnehin, mehr noch aber bei jenen, die politische Musik als Agitprop oder Singen von Arbeiterliedern verstanden. Nonos Musik ist pure Avantgarde, die von ihm vertonten Texte mögen noch so politisch sein, man muss sie schon im Programmheft nachlesen, so wenig sind sie hörend zu verstehen. Denn Nono ging es nie darum, das Leid von Widerstandskämpfern zu vertonen oder die Schlechtigkeit der Welt in Musik abzubilden. Er wollte rein musikalische Konstellationen schaffen, die so komplex, so fein, so vielschichtig-bedeutungsvoll und doch in sich so logisch sind, dass sie das Ohr und damit das (kritische) Denken aufwecken. Philosophisch belesen wie er war nannte er das „die Negation der Negation in eine Form gebracht“.

Das Revolutionäre war Nono sicher nicht in die Wiege gelegt worden. Geboren wurde Luigi Nono am 29. Januar 1924 in Venedig als Sohn einer alteingesessenen Patrizierfamilie, der Vater war Ingenieur, der Großvater Luigi Nono senior ein renommierter Maler. Luigi junior absolvierte auf väterlichen Wunsch hin standesgemäß erst einmal ein Jura-Studium, bevor er sich ganz der Musik zuwandte. Von Posten, Ämtern und Positionen gibt es im weiteren Verlauf von Nonos Vita wenig zu berichten; sein familiärer Hintergrund erlaubte ihm eine Existenz als freier Künstler. So entwickelte sich sein Lebensweg entlang persönlicher Begegnungen, politischer Aktionen und künstlerischer Meilensteine. Die Verbindung von Musik und gesellschaftlicher Realität blieb dabei eine Konstante: Mit den Kollegen Claudio Abbado und Mauricio Pollini etwa engagierte er sich für ein pädagogisch-politisches Projekt unter dem Titel „Musica/Realtà“. Und im Jahr 1968 blockierte Luigi junior Venedigs größtes Kunstevent, das einst von seinem Großvater mitbegründet worden war. Zusammen mit Studenten und Arbeitern besetzte er die Ausstellungsräume der Biennale da Venezia. Ein Journalist des „L’Espresso“ berichtete seinerzeit mit ironisch-feinem Sinn für Dresscodes von der Ankunft „einer kleinen Gruppe von Demonstranten, angeführt von Maestro Luigi Nono, stattlich in stilvoller Kleidung, groß und eindrucksvoll, seine Stimme donnernd und doch melodiös“.

Während es Kollegen und Freunde waren, die Nonos politisch-künstlerisches Weltbild formen halfen, war seiner eigenen Aussage nach seine Geburtsstadt entscheidend dafür, sein „Empfindungsvermögen zu formen“. „Alles ist Ohr“, hatte schon Richard Wagner über Venedig gesagt. Für Nono war seine Heimatstadt vor allem eine Schule des Hörens. In jungen Jahren stand für ihn dabei die monumentale Musikgeschichte der Stadt im Fokus: die mehrchörige Raummusik im Dom San Marco oder das Erbe der Renaissance-Großmeister von Gabrieli bis Monteverdi. In späteren Jahren, als der Komponist in seinem Werk immer feinere Nuancen des Klanges zu erforschen begann, faszinierte ihn dann vor allem die Klanglandschaft des Insel-Archipels, das „akustische Multiversum“ Venedig, wie er es nannte. Der Stille in den nächtlichen Gassen oder dem Ausbreiten des Klanges von anderen, entfernten Inseln über die Lagune hinweg galt nun Nonos geschärfte Aufmerksamkeit: „Auf der Giudecca, entlang des Gehweges, besonders am Abend oder früh am Morgen, hört man eine Raummusik im eigentlichen Sinn, und nicht nur von Glocken, und alles ist anders, je nachdem ob es Nebel gibt oder keinen Nebel.“

Am 29. Januar 2024 jährte sich Luigi Nonos Geburtstag zum 100ten Mal. Aus diesem Anlass zeichnet der Fokus Luigi Nono in der Elbphilharmonie in drei Konzerten Stationen seiner künstlerischen Entwicklung nach: von „Il canto sospeso“, mit dem ihm 1956 der Durchbruch gelang, über das Streichquartett „Fragment – Stille. An Diotima“ von 1980, das seine letzte Schaffensphase einläutete, bis hin zu seinen späten, von mikroskopisch feinen Klangnuancen bestimmten Werken. Über vier Jahrzehnte seiner Entwicklung hinweg zeichnen sich dabei zwei Grundzüge in Nonos Schaffen ab: Eine Linie zu stiften, Verbindungen hörbar zu machen, blieb das Ideal des Musikers Nono, und für den Menschen Nono fanden Kunst und Musik nie im luftleeren Raum statt: „Musik-Leben oder Leben-Musik: das ist das Gleiche.“