Ilja Stephan Musikpublizist

Themen

Komponisten

Interpreten

Ostasien

Hamburg

"Wer Ohren hat, der höre"
Franz Schmidts Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“
in: Programmheft Elbphilharmonie 1./2.05.2026

„Ende“ lautet das Motto des diesjährigen Internationalen Musikfests Hamburg. Wenn wir heute vom „Ende der Zeit“, vom „Weltuntergang“ oder von einer verheerenden Katastrophe sprechen, verwenden wir den Begriff „Apokalypse“. Wörtlich aus dem Griechischen übersetzt heißt das „Offenbarung“. Eines der wirkungsmächtigsten Bücher der Endzeitliteratur ist die „Apokalypse/Offenbarung des Heiligen Johannes“. Selbst unter weniger Bibelfesten sind die Bilder und Begriffe aus diesem letzten Buch des Neuen Testaments Allgemeingut geworden: Armageddon und der Endkampf zwischen Gut und Böse, der Antichrist, die apokalyptischen Reiter, die Posaunen des Jüngsten Gerichts, aber auch das „tausendjährige Reich“ – das alles steht bei Johannes. Dabei steckt die Offenbarung so voller Rätsel, grotesker, fantastischer und symbolischer Bilder, dass sie zum Inbegriff eines schwer verständlichen Buches wurde: Die Johannes-Apokalypse ist das sprichwörtliche „Buch mit sieben Siegeln“. Allerdings ist das Werk auch ein Fanal der Hoffnung: Nach dem Untergang einer dem Bösen verfallenen Welt, wird der Erlöser wiederkehren und mit wenigen, auserwählten Gerechten eine bessere, eine ideale Welt errichten.

Franz Schmidts Vertonung der Johannes-Apokalypse unter dem Titel „Das Buch mit sieben Siegeln“ spiegelt die Vorlage in ihrer ganzen Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit. Uraufgeführt wurde das Werk am 15. Juni 1938 im Wiener Musikverein. Da war der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich gerade drei Monate her, und beim begeisterten Schlussapplaus wurde – auch vom Komponisten – der Hitlergruß gezeigt. Die zweite Aufführung fand 1944 wieder in Wien statt – nun war man mitten in der Apokalypse, die Schmidts Weltuntergangschöre mit niederschmetternder Wirkung schilderte. Und die Frage, wen man sich unter dem weltzerstörenden „Drachen mit den sieben Köpfen“ vorzustellen habe, werde manche im Feuerschein brennender Städte und rauchender Öfen neu überdacht haben. Der Streit um das Werk blieb. 1987 inszenierte George Tabori in der Salzburger Kollegienkirche eine bildgewaltige, szenische Version des Weltuntergangs mit viel Blut und verrenkten, nackten Körpern. So detailgenau wollten die Kirchenoberen den Bibeltext in einem Gotteshaus nicht ausgedeutet sehen. Die Inszenierung wurde umgehend abgesetzt.

In Malerei, Dichtung und Film ist die Apokalypse ein viel bearbeitetes Thema – gerade Hollywood hat sich dem von „Left Behind“ über „Armageddon“ bis „Apocalypse Now“ intensiv gewidmet. In der Musik gibt es zwar Vertonungen einzelner Textpassagen und die Posaunen des Jüngsten Gerichts sind einschlägig, doch Vertonungen der gesamten Offenbarung sind selten. Zu umfangreich und ausufernd ist der Text; wer ihn vertonen will, muss drastisch kürzen und Schwerpunkte setzen. Jede Bearbeitung ist dabei auch eine Deutung. Franz Schmidt hat das Libretto zu „Das Buch mit sieben Siegeln“ nach eigenen Angaben selbst zusammengestellt. Er habe sich dabei „genau ans Original“ gehalten, teilt der Komponist im Vorwort mit. Das allerdings ist ein frommer Schwindel; Schmidt wählte nicht nur aus, sondern dichtete auch selbst hinzu.

„Das Buch mit sieben Siegeln“ besteht aus drei Teilen: Im Prolog werden Johannes Berufung, Entrückung und Vision des göttlichen Thrones geschildert. Hier wird dem Lamm/Christus ein Buch mit sieben Siegeln übergeben. Der zweite Teil schildert das Öffnen der ersten sechs Siegel. Die Öffnung des ersten Siegels offenbart die Ankunft des weißen Reiters, der mit eisernem Stab für Gerechtigkeit streitet. Die Öffnung der Siegel zwei bis sechs dagegen geht mit globalen Katastrophen einher: Krieg, Hunger, Tod, der Ruf nach göttlicher Rache und ein welterschütterndes Erdbeben. Bemerkenswert ist, dass die Texte zu den Siegeln zwei bis vier nicht der Bibel entnommen sind. Schmidt schildert Krieg, Hunger und Tod in (vermutlich) eigenen Worten – und lehnt sich dabei an eine Opernarie von Meyerbeer und „Das Knaben Wunderhorn“ an. Der dritte Teil ist von zwei langen Berichten geprägt: Nach dem Öffnen des siebten Siegels schildert Johannes den Endkampf zwischen Gut (Christus/weißer Reiter) und Böse (siebenköpfiger Drache). Dem Chor ist dann die Darstellung des Posaunen-Zyklus anvertraut. Jeder Posaunenstoß verkündet neue, weltvernichtende Katastrophen. Mit dem siebten Posaunenstoß werden das Jüngste Gericht, die Endabrechnung aus dem Bilanzbuch des Lebens, aber auch „ein neuer Himmel und eine neue Erde“ verkündet. Mit einem göttlichen Mission-Statement, dem Halleluja des Chores und einer eidesstattlichen Versicherung des Überbringers der Prophezeiung schließt das Werk.

Auffallend ist, was Schmidt nicht auswählte. Das neue Jerusalem, das „vom Himmel herniederkommt“, Ziel- und Endpunkt christlicher Heilserwartung, fällt bei ihm aus. Überhaupt ist jede Erwähnung von Jerusalem, dem Tempel, der Bundeslade und den Juden vermieden. Der Apokalypse-Text wird konsequent aus seinem historischen Kontext genommen. Dafür legt Schmidt einen klaren Fokus auf die Gestalt des weißen Reiters, der – theologisch nicht unumstritten – mit Christus dem Erlöser gleichgesetzt wird. Sehr am Herzen gelegen haben dem Komponisten offenbar die Darstellung des Krieges und seiner Folgen. Die entsprechenden Bibeltexte zu den Siegeln zwei bis vier sind zwar kurz und geben für eine Vertonung wenig her. Aber nicht nur deshalb wird Schmidt hier zum Dichter in eigener Sache geworden sein. Ihm standen – wie den meisten seiner Generationsgenossen – die Bilder und Erfahrungen des Ersten Weltkrieges noch vor Augen.

Der Komponist Franz Schmidt zieht in „Das Buch mit sieben Siegeln“ die Summe seines Könnens. Die Musikgeschichte hat ihn als Erben der Tradition von Bach bis Bruckner und verspäteten Spätromantiker verbucht. In seinem Oratorium bestätigt Schmidt diesen Ruf – und wächst darüber hinaus. Wenn Manfred Honeck von dem Werk sagt, dass es alle „Höhen und Tiefen des Menschen“ ausmesse und weit ins „20. Jahrhundert hineinblickt“, lässt sich dies gerade an seiner stilistischen Vielfalt festmachen. Wo Schmidt Christus als das Lamm oder als göttliches Kind vorstellt, hört man unverkennbar den Ton Bachscher Passionen – das blutende Lamm portraitiert Schmidt mit Streicherklang und Solo-Oboe. Für die Entrückung des Johannes und die Szene vor dem göttlichen Thron mobilisiert Schmidt, der auch ein erfahrener Organist war, Techniken der Choralvariation und erfindet berückend schöne Melodien. Und wo von Herrschaft oder dem streitbaren weißen Reiter die Rede ist, wird dies mit Fanfaren-Geschmetter als der geläufigen musikalischen Macht-Insignie dargestellt. Wer den Klang und die Symbolik der deutschen Kirchenmusik von Bach über Händel bis Mendelssohn kennt und liebt, wird sich hier zutiefst zu Hause fühlen.

Weitaus kühner ist die Tonsprache, wo vom rätselhaften Buch mit sieben Siegeln, vom Krieg und Weltuntergangskatastrophen die Rede ist: In den aberwitzig schwierigen Chornummern oder den beiden Orgelinterludien greift Schmidt zu einer extremen Chromatik, in der jedem Gefühl für eine feste Tonart der Boden entzogen wird. Das Buch-Thema, das bei der ersten Erwähnung des Buches mit den sieben Siegeln vorgestellt und dann im ersten Orgelzwischenspiel entwickelt wird, umfasst alle zwölf Töne und wird mit jedem neuen Einsatz um einen Halbton verschoben. Bei alledem bleibt Schmidt ein Wagner geschulter Musikdramatiker: Das Lamm, das Buch, der Drache – sie alle bekommen stets ihr wiedererkennbares Leitthema.

Am kühnsten ist der Komponist dort, wo er auch mit dem Text am freiesten umgegangen ist: In den Nummern zu Beginn des ersten Teils, die Krieg (2. Siegel) oder den Tod (4. Siegel) schildern, stößt Schmidt zur frei atonalen Klangsprache seiner modernen Zeitgenossen vor. Obwohl er selbst als ein Vertreter der alten Schule galt, war der Komponist (manchen) Neuerungen gegenüber gleichwohl aufgeschlossen. Den Wiener Kollegen Arnold Schönberg hatte Schmidt zu fördern versucht und dessen Melodram „Pierrot lunaire“ (1912) zusammen mit seinen Studenten einstudiert. In der Szene der Überlebenden auf dem Feld des Todes (4. Siegel) etwa, ahnt man etwas von solchen Einflüssen.

Die heilsgeschichtliche Leerstelle, die Schmidts Lesart der Johannes-Apokalypse lässt – das Aussparen von „neuem Jerusalem“ und Jesus Versprechen, dass er wiederkehren werde –, füllte der Komponist auf fatale Weise. Schon bei der Uraufführung 1938 werden viele Hörer die von Schmidt so strahlend in Musik gesetzte Gestalt des weißen Reiters/Erlösers mit dem von der Nazi-Propaganda zum „deutschen Christus“ verklärten Adolf Hitler identifiziert haben. In diesem Sinne ließ der bereits schwer kranke Komponist auf das Weltuntergangswerk als letzte, unvollendet gebliebene Komposition 1938/39 eine tiefbraun gefärbte Kantate mit dem Titel „Deutsche Auferstehung“ folgen – die spannte den Bogen von der Niederlage 1918 bis zum „Anschluss“. Die letzten Worte des Textes lauten „Heil Hitler!“. Wo Schmidt Ende der 1930er-Jahre politisch tatsächlich stand, darüber streiten die Gelehrten. Seinem Andenken hat dieses letzte Werk jedenfalls sehr geschadet. Wer sich mit der Person Franz Schmidt, seiner Zeit und den Erfahrungen, Ängsten und Hoffnungen auseinandersetzt, die in „Das Buch mit sieben Siegeln“ zum Ausdruck kommen, der kann nicht umhin, auch solche Abgründe mitzudenken. Diese Fragen haben kein Ende.