Ilja Stephan Musikpublizist

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Sara Abazari - Masse, Macht und Musik
in: Programmheft NDR Elbphilharmonie Orchester, Mai 2024

Ein Gespräch mit Sara Abazari in Teheran ist eine interessante Erfahrung. Während der Iran bei uns als Inbegriff eines theokratischen Staates gilt, repräsentiert Abazari mustergültig den Typus einer westlichen Intellektuellen und Künstlerin. Sie spricht perfektes Deutsch, jongliert souverän mit den Theoremen französischer Soziologen und den Hörerkategorien von Adorno, und als die prägenden Städte ihres Lebens benennt sie „Köln, Wien, Paris“. Warum sie trotzdem nach Teheran zurückgekehrt ist? Um an der dortigen Universität eine Professur zu übernehmen, um ihren Studenten Erfahrungen zu vermitteln, die sie selber machen durfte, um Austausch zu ermöglichen. So hat sie ein Zentrum für zeitgenössische Musik an ihrer Alma Mater gegründet, westliche Ensembles eingeladen, Festivals organsiert. Alles in der festen Überzeugung, dass es im Iran ein kleines, feines, vor allem junges Publikum gibt, das einen solchen Draht zur (westlichen) Außenwelt sucht. Doch mit der Professur sei es aus diversen Gründen auch schon wieder vorbei. Sich nicht verbittern lassen, die kleinen Stückchen errungener Freiheit nicht wieder preisgeben, bleibt so ihr Motto. Für ihre Situation im Spannungsfeld scheinbar unvereinbarerer Gegensätze findet sie genau ein einziges, bezeichnendes Wort: „surreal“.

Dem Verhältnis von „Macht und Musik im Iran“ hat Abazari ihre Dissertation gewidmet. Tatsächlich ist es wohl ihr Lebensthema. Drei Jahre vor der Revolution wurde sie 1976 als Tochter eines Soziologen in eine am westlichen Lebensstil orientierte Familie geboren. Und während der oberste Revolutionsführer Khomeini verkündete, „Musik muss eliminiert werden“, lernte sie Klavierspielen. Zur der Zeit des achtjährigen Krieges zwischen Irak und Iran tauchte das (klassische) Musikleben im Iran notgedrungen in den Privatbereich ab; das Hauskonzert wurde zum einzig möglichen Forum. – Nach den jüngsten Protesten sei die Situation heute wieder ähnlich, berichtet Abazari. Um ihren Studenten also die Ohren für die Welt zu öffnen, bediente die Kompositionslehrerin Abazari sich bei dem französischen Philosophen Henri Lefebvre. Der hatte in seiner „Rhythmusanalyse“ das Projekt eines hörenden Zugangs zur Welt entworfen. Motto: Fenster auf und zuhören, was draußen los ist. Wenn sie zu einer bestimmten Stunde ihr Fenster öffne, so Abazari, könne sie die Sprechchöre ihrer Nachbarn hören, die sich – ähnlich wie bei uns in den ersten Coronatagen – allabendlich zu einer akustischen Intervention zusammenfinden. Auch das Hördrama von Menschen, die sich auf einem Platz zu einer Masse sammeln, auf eine Parole einstimmen, aber auch schnell wieder zerstreut werden, zählt zu den Klangpanoramen, die sich ihr eingeprägt hätten. Alles dies sei „schrecklich, brutal, aber zugleich auch hoffnungsvoll“.

Auf die Frage, wo im weiten Spektrum zwischen europäischer Kunstmusik und persischer Tradition sie sich verorten würde, gibt Abazari eine bezeichnende Antwort: „Ich bin kritisch, beiden Seiten gegenüber.“ Die derzeit so beliebte „Identitätspolitik“ ist für sie ein Reizwort, als Vorzeige-Iranerin, die zum Weltmusikzirkus marktfähige Stücke mit orientalischem Flair besteuert, sieht sie sich entschieden nicht. So trägt etwa ein Stück, dass sie für die traditionelle orientalische Laute Oud – die Ahnherrin aller Lauten – geschrieben hat, den bezeichnenden Titel „Style brisé“ und verweist damit eben nicht auf ein pittoreskes Morgenland, sondern auf französische Barockmusik. Die Musik selbst klingt nach lupenreinem 21. Jahrhundert. Offenkundig steht Abazari fest auf dem Boden der europäischen Konzertmusik, mit der sie groß geworden ist. Auf die Frage nach Modellen für ihr neues, heute Abend uraufzuführendes Stück „Spleen“, verweist sie auf Gustav Mahlers Kunst, demselben Material ganz unterschiedliche Seiten und Charaktere abzugewinnen. Und auch zu den Werken von Ustwolskaya und Varèse hat sie von Hause aus eine klar definierte Beziehung: In der Musik der russischen Kollegin hört sie eine „eindeutige Härte, die ich mag“. Edgard Varèse zählt seit einem Varèse-Festival, das sie während ihrer Kölner Studientage besuchte, zu ihren musikalischen Referenzgrößen.

So finden sich klare Spuren von Varèses Musikdenken in Abazaris Werken. Auch sie denkt Musik als „organisierten Klang“. Und die Vorstellungen, nach denen sie ihre Klänge organisiert, sind offenbar von den Höreindrücken geprägt, die durch das geöffnete Fenster zu ihr dringen. Es geht um Klangmassen, die wie starke Strömungen in- und gegeneinander laufen, melodische Linien, die sich langsam herausschälen oder Klangobjekte, die sich mit heroischem Eigensinn behaupten. In ihrem Orchesterwerk „in solidum“ erscheint ein solches Klangobjekt nach gut einer Minute: In Holz- und Blechbläsern erklingt ein komplexer Akkord, der sich im weiteren Verlauf des Stückes mit eherner Unverrückbarkeit in derselben Instrumentation und Oktavlage behaupten wird. Nachdem er im Mittelteil des Stückes von der musikalischen Oberfläche verschwunden war, bestätigt die Komponistin diesen Klang im Schlussabschnitt des Stückes ein ums andere Mal mit hartnäckigen, emphatischen Wiederholungen bis er im letzten Takt, bestürmt vom Aufruhr im restlichen Orchesterapparat, bis zum fünffachen Forte anschwillt.